Ilona Beyer

Beitragvon die.Sass.da » Mo 10 Feb, 2014 22:33


04.30 Uhr. Helene Fischer weckt Ilona Beyer.


Frühdienst. Frau Beyer setzt sich ächzend auf die Kante ihres Bettes, durchfährt die einstein'sche Frisur und schüttelt infantil ihr erweißtes Haupt. Pippi Pippi Pippi! Sie tippelt vergnügt ins Bad, uriniert, entledigt sich ihres Nachthemdes und füllt dann das Waschbecken mit lauwarmem Wasser.

Die Zähnchen müssen sich noch ein wenig gedulden. Sie deutet auf das Glas auf dem Waschbecken. Das Gebiss wendet sich angewidert ab. Ach, ihr ollen Muffels! Sie giggelt.

Ilona Beyer befeuchtet einen frischen Lappen, reibt ihn an einem Stück Kernseife ab und beginnt ihr Gesicht, den faltigen Hals, die Achseln und die welken Brüste zu waschen. Die raue Säuberung ihres Intimbereichs verursacht stimulierende Stromstöße im Unterleib, welche sie mit einem entrückten Lächeln zur Kenntnis nimmt. Sie stockt, begutachtet im Spiegel ihr betagtes, tränensackunterfüttertes Gesicht und kichert zahnlos. Dummes, altes Mädchen. Diesen Schweinkram überlassen wir lieber den jungen Dingern. Sie kämmt die flirrend dünnen Haare streng zurück und formt diese schließlich zu einem Dutt. Das Gebiss protestiert vergebens, es wird schnalzend eingesetzt. Dann zieht sich Frau Beyer an.

Mit einer frisch gebrühten Tasse Kaffee in der Hand betrachtet sie am Küchenfenster die langsam erwachende Stadt. "So, und jetzt wecken wir auch mal das Peterchen auf." Gerade im Begriff die Tasse abzustellen, setzt sich plötzlich ein leuchtend weißer Falter auf ihren Zeigefinger und schaut sie unvermittelt an, als wolle er ihr etwas mitteilen. "Ja, Ilona. Die Zeit des Wartens hat ein Ende. Du darfst mit deiner Arbeit fortfahren." Die Überraschung in Ilona Beyers Gesicht weicht einem überglücklich mädchenhaften Strahlen. Endlich das lang ersehnte Zeichen! Sie dreht sich in die Hände klatschend, etwas unbeholfen ein paar Male im Kreis und tänzelt dann glucksend auf den Käfig ihres himmelblauen Wellensittichs zu.

"Peterchen. Peterchen. Dein Ilönchen darf wieder Engel machen! Ist das nicht schön?" Sie lüftet das Tuch Peterchens Behausung und steckt eine Fingerspitze durch die Gitterstäbe. "Guten Morgen, mein Lieber." Die schon seit Tagen auf dem Käfigboden vor sich hinrottende Vogelleiche nähert sich ihrem Finger, beißt zärtlich hinein und krächzt "Loni Mooorn." Ilonas Finger streichelt ins Leere. Sie denkt an Vater, ihren ersten Engel.

Nachdem die Mutter vom Krebs aufgefressen wurde, übernahm Ilona im Wechsel mit einer ambulanten Kraft die Pflege ihres von mehreren Schlaganfällen gezeichneten Vaters. Sie selbst arbeitet seit fünfundreißig Jahren als Krankenschwester auf diversen Intensivstationen der Charité, so dass die physische und psychische Belastung durch die Betreuung immens anstieg. Begünstigt wurde diese natürlich noch durch das ständige Gezeter und die Beleidigungen ihres unleidlichen Vaters. Und so entschloß sich Ilona eines Tages, der Quälerei ein Ende zu setzen. Sie entwendete aus der Klinik das stark blutdrucksenkende Mittel Nitroprussid und verabreichte ihrem Vater die hundertfache der üblichen Dosis. Sie hielt seine Hand, als er dem Leben entglitt und richtete sich seelisch schon auf die rechtlichen Konsequenzen ein, als das Unfassbare geschah. Unter weltenerschütterndem Getöse zerbarst die Zimmerdecke und gebar einen wabernden Tunnel gleißenden Lichts. Mit weit aufgerissenen Augen sah Ilona ihren nun transluziden Vater in Richtung des Tunnels schweben. Er drehte sich noch einmal zu seiner Tochter um und lächelte sie voll dankbaren Glücks an, bevor er entschwand.

Die befürchteten Konsequenzen blieben aus, der Vatermord wurde als Herzinfarkt abgetan. Und Ilona, völlig überwältigt von dieser offensichtlich gottgegebenen, gestalterischen Macht, erschaffte in den folgenden Monaten zwölf weitere Engel, bis sie von Herr Moros ertappt wurde.

"Wir müssen natürlich auf den dummen Schrumpelschlaks aufpassen. Der ist immer so aufmerksam. Aber vielleicht haben wir heute Glück. Wir haben ja auch ein Zeichen bekommen. Nicht wahr, mein Lieber? Ich gehe jetzt zur Arbeit. Bis später, mein Peterchen."

Ilona wartete wie immer bis zur Schichtübergabe, um kurz danach die im Koma liegende, sechundsiebzigjährige Frau Moros in die Arme des Schöpfers zu schicken. Nach derer injizierten Himmelfahrt wollte sie glücksbeseelt das Zimmer verlassen, doch Herr Moros stand mit finsterem Gesichtsausdruck in der Tür, den Zeigefinger auf Ilona deutend. "Ich habe sie beobachtet, Frau Beyer. Ich weiß, was sie getan haben." Dann drehte er sich um und verschwand. Völlig verdutzt und verängstigt ging sie nach Hause und wartete auf die Polizei. Die kam nicht, stattdessen folgte Herr Moros Ilona von nun an auf Schritt und Tritt. Er wahrte jedoch immer Distanz und sprach sie nie an. Er durchlöcherte sie nur mit hartem Blick. Das machte Ilona anfangs Angst, nervte aber nach ein paar Tagen. Natürlich konnte sie sich nicht wehren. Wer weiß, ob er sie dann nicht doch gemeldet hätte. Drei Wochen ging das so.

Heute jedoch hat sie Glück. Herr Moros lässt sich nicht blicken. Weder auf der anderen Straßenseite vor ihrer Wohnung, weder im Bus, noch im Foyer der Klinik.

"Danke, auf dich kann man sich verlassen." Ilona bekreuzigt sich drei Mal, schließt die Tür ihres Spindes und geht dann beschwingt, von immenser Last befreit ihrer Arbeit nach. Besonders intensiv kümmert sie sich heute um den Herrn Buttgereit, der sich doch nur quält mit seiner Aortendissektion. Nicht mehr lange. feixt sie mit kindlicher Freude auf das kommende, illuminierende Ereignis.

In ihrer Pause setzt sich Frau Beyer auf eine Bank im Klinikpark, schlürft an ihrem Kaffee und liest in Camus' "Die Pest", als sich ein langer, hagerer Senior vor sie in die Sonne stellt. Erst, als er sich räuspert, bemerkt sie ihn. "Frau Beyer." Ilona versucht zu dem Mann aufzuschauen, bleibt jedoch mit ihrem Blick an seiner Hand heften. Er hält ihr eine formvollendete, weiße Lilie entgegen. Lächelnd stockt ihr der Atem ob der floralen Pracht. "Die ist aber schön. Für mich?"

"Für sie, Frau Beyer." Herr Moros schaut sich um, drückt dann ab. Donnerhall schreckt alles Leben in der Umgebung auf. Die Patrone durchschlägt mühelos das Gestell ihrer Lesebrille und zerfetzt ihr Stirnbein, bevor sie Ilonas Lebenslicht endgültig auslöscht. Gelassen steckt Herr Moros seine Glock 17 ein und geht.

"Auf Wiedersehen, Frau Beyer."
die.Sass.da
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