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[David Safier] Mieses Karma

Beitragvon Struppigel » So 08 Mär, 2009 18:23


[size=120:27sd8kew]Mies ist nicht nur das Karma[/size]

Buchtitel: Mieses Karma
Autor: David Safier
Seiten: 282
Preis: 8,95 €
Genre: Roman

Der Moderatorin Kim Lange fällt das Waschbecken einer russischen Raumstation auf den Kopf. Anstatt einfach tot zu sein, findet sie sich im Körper einer Ameise wieder und wird von einer dicken Buddha-Ameise dazu aufgefordert gutes Karma zu sammeln, um irgendwann ins Nirwana zu gelangen.

Was als gute Idee mit enormem Potential anfängt, entpuppt sich schnell als eine platte Geschichte mit eher seichten Witzen. Dem Autor merkt man deutlich an, dass er sonst mit dem Schreiben von Sitcom-Drehbüchern wie „Berlin, Berlin“ beschäftigt ist und sich nicht wirklich in die Rolle einer Frau versetzen kann. Die Protagonistin Kim Lange denkt so oft an Sex und ihr eigenes Aussehen, dass man ihre Charakterisierung nur als Griff ins Klischeeklo bezeichnen kann. Die charakterliche Entwicklung vollzieht sich entweder urplötzlich oder gar nicht (siehe Ende) Auch mit den anderen Charakteren steht es leider nicht viel besser. Da ist der liebevolle Ehemann, der fast keinerlei menschliche Fehler zu haben scheint, die süße Tochter, welche mit jedem beliebigen, braven Werbekind ausgewechselt werden könnte, und da ist der gutaussehende, durchtrainierte Frauenschwarm, mit dem Kim selbst als Ameise noch fremdgehen würde, wenn sie könnte.

Einige Lacher bescheren die Begegnungen mit dem reinkarnierten Giacomo Casanova, der im Gegensatz zu den anderen erwähnten Charakteren keinen Tiefgang benötigt. Seine Bemühungen, als Krabbeltier ein erfülltes Sexleben zu führen, sind tatsächlich witzig – ist doch die Königin die einzige, die er begatten kann. Auch sein Charme ist nicht zu verleugnen. Verwunderlich: Casanova hat nach über 200 Jahren gerademal 115 Ameisenleben hinter sich gebracht. Vorallem, wenn man bedenkt, wie viele Ameisenleben allein in den ersten Tagen von Kim und Casanova verbraucht werden und dass letzterer als männliche Ameise nach jeder Begattung sterben müsste, sind diese Zahlen fragwürdig.

Die bescheidene Logik des Buches kommt leider noch an anderen Stellen zum Tragen. So sind Casanova in seinen 115 Ameisenleben insgesamt nur drei Reinkarnationen begegnet: Dschingis Khan, Albert Einstein und Kim. Da stellt sich einem die Frage: Werden nur Berühmtheiten wiedergeboren? Anscheinend nicht, denn Kim begegnet noch einer Spinne, die als Thorsten Borchert ein Leben als Niemand geführt haben will. Wo sind also all die anderen Menschen mit miesem Karma abgeblieben? Und was ist mit den Seelen der nicht reinkarnierten Ameisen? Sind die alle neu?

Das Buch erhebt keinen geistigen Anspruch an den Leser und lässt sich unter anderem deswegen in einem Guss lesen (ich habe einen Nachmittag gebraucht). Vermutlich ein Grund, weshalb es auf dem Klappentext von der BILD hochgelobt wird.
Einen gut aufgebauten Hintergrund oder Tiefe kann man also nicht erwarten – bleibt nur noch der Unterhaltungswert. Dieser ist zu Beginn noch vorhanden. Bei der Vorstellung, von einem Waschbecken erschlagen zu werden, musste ich durchaus schmunzeln. Die Abstrusitäten nehmen im Verlaufe des Buches jedoch so viel Raum ein, dass sie gar nicht mehr wirken. Weniger wäre mehr gewesen. Vorallem das Ende hätte man sich sparen können.

[spoiler:27sd8kew]Kim sammelt genug gutes Karma, um ins Nirwana zu gehen. Hier hätte die Geschichte getrost aufhören können und sie wäre um einiges besser gewesen. Jedoch stößt die sonst überaus egoistische Kim den Einzug ins Nirwana aus Sorge um ihre Tochter ab und wird als Maria reinkarniert – eine sehr dicke Frau, welche eigentlich gerade an einem Herzinfarkt gestorben wäre. Nun geht die Glaubwürdigkeit vollkommen flöten und dies aufgrund mehrerer eklatanter Fehler: Kim interessiert ihr Aussehen und ihre Wirkung auf andere plötzlich kein bisschen mehr, obwohl von allen Seiten negative Reaktionen auf sie einströmen (dies ist die erwähnte sehr plötzliche Charakterentwicklung). Trotzdem kann sie die ihr wichtigen Menschen sehr schnell für sich einnehmen, hat wieder Sex mit ihrem Lover aus dem früheren Leben, welcher ganz plötzlich seine Liebe zu beleibten Frauen entdeckt und bringt ihren Exmann dazu, sich in sie zu vergucken, obwohl dieser nun mit ihrer früheren besten Freundin verheiratet ist. Begründet wird es damit, dass die beiden Männer in Kims Seele blicken können - ich nenne das einfallslos. So verlässt Kim den eigentlichen Mann von Maria, der entgegen aller Vernunft anstandslos hinnimmt, dass seine Frau über Nacht nicht mehr sie selbst ist, und schafft es, die Ehe ihres Exmannes zu manipulieren und zu zerstören. Weil sie aber gleich nach ihren bösen Taten (die sehr deutlich zeigen, dass sie aus ihren Reinkarnationen keine Lehre gezogen hat) das Leben ihrer ehemals besten Freundin rettet, darf sie wieder ins Nirwana, welches darin besteht, als Kim ein Leben an der Seite ihres Exmannes und ihrer Tochter weiterzuführen.

Die fragwürdige Moral von der Geschichte: Du kannst tun und lassen was Du willst, wenn Du es nur mit einer guten Tat ausgleichst – wie der Rettung eines Lebens, das sowieso wieder reinkarniert würde.[/spoiler:27sd8kew]

[size=120:27sd8kew]Fazit: Für Liebhaber von Boulevardmagazinen und der BILD-Zeitung sicher empfehlenswert. Wer etwas Tiefe und einen halbwegs nachvollziehbaren Hintergrund möchte, ist mit diesem Buch schlecht beraten.[/size]
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Re: [David Safier] Mieses Karma

Beitragvon CBarker84 » Fr 22 Feb, 2013 14:05


Sehr schön geschrieben und alles Wichtige erwähnt. Hatte ebenfalls große Erwartungen an das Buch (wurde ja ziemlich gehyped eine Zeit lang), aber wurde herbe enttäuscht. Ein typisches Buch für die Massen.
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