Buchrezensionen, Vorstellung von Autoren, Schriftstellern und ihren Werken

Der Eimer und die Schwarze Blume

Beitragvon Wolf Bach » Fr 20 Sep, 2013 17:17


Es war eine bitterkalte Novembernacht, als Großmutter starb. Der Regen leckte an das Fenster, und auf dem Dach trampelte und brüllte der Herbstwind wie ein tollwütiger Ackergaul. Die alte Weide vor dem Hause bog sich wieder und wieder, als wollte sie vor dem Allermächtigen sich verbeugen. Sie knarrte dabei im Takte des Röchelns meiner Großmutter. Möglicherweise war es aber auch Großmutter, die ihr Röcheln dem Wippen des Baumes anpaßte, um sich den Baum zum Freunde und den Tod zu einem wohlgemuten Gaste zu singen. Eine bittersüße Melodie des Todes, die heute noch in meinen Ohren klingt, nach all den Jahren, all den Entbehrungen, die auf diese Novembernacht folgten.
Die Stube war bereits für den Tod dekoriert. Das knorrige Eichenbett war von unzähligen Kerzen umgeben, die in geheimen Luftzügen umherzüngelten, wie betende Zwergelein um einen güldenen Schrein. Darunter auch meine alte Kommunionskerze, und ihr Staub knisterte im Feuerlein, die heilige Jungfrau Maria mochte mir verzeihen. Die Heiligenbilder stanken widerlich nach einem Parfüm, welches der ehrenwerte Herr Pfarrer eigenhändig in seinem Altarstübchen zu brauen pflegte.
Ja, der Herr Pfarrer. Ich vermute, daß mein Vater damals sehr viel über ihn wußte, doch erzählen tat er wenig, mein Vater war im allgemeinen sehr schweigsam. Auch im Dorfe gesprach man wohl nicht über den Pfarrer, denn man Furcht hegte. Ein durchgealtertes, schwatziges Weib hatte eines Sonntages den Kirchgang verweigert, weil der Pfarrer aufgrund ihrer lasterhaften Umtriebigkeiten ihr den Zutritt zum Gebetskämmerchen verweigert hatte. Am nächsten Tage dann war sie auf mysteriöse Weise verstorben. Zeitlebens hatte sie über den Pfarrer gelästert und immer wieder behauptet, dieser hätte sich damals mit einem Heiden getroffen, einem Mohr. Und daß er seitdem ein sonderbares, silbernes Amulett unter seiner Gewandung trug. Im Dorfe hielt man all dies für Hirngespinste, und es bekreuzigten sich die Leut, wenn das alte Weib deren Weg kreuzte.
Es gab allerdings auch das Gerücht, daß der Pfarrer bizarre Gelüste hegte und daß er diese gelegentlich in seinen Ritualen auszuleben pflegte. Nicht glaubte mein Vater, daß auch dieses Gerücht von dem alten Weibe verbreitet ward. Doch es reihte sich sehr wohl in die vielen Dorfgeschwätzigungen ein, die aus der Langeweile der Bauersleut geboren waren. Man durfte alldem wohl nicht zu große Beachtung schenken.
Des Herrn Pfarrers Aufgabe war nun in dieser Nacht das Celebratio der Letzten Ölung meiner Großmutter. Sehr spät war es bereits, und wir froren in Erwartung. Ich saß auf meinem knirschigen Holzschemel und betete, das Röcheln der Großmutter sägte an mein Ohr. Ach, mochte sie weiterröcheln nur ein Weilchen und ihre Letzte Ölung noch empfangen, bevor der Herr sie zu sich rief. Mein Vater kauerte regungslos in sich versunken in der Ecke neben dem Holzofen und sog an seiner schweren, mit Hirschgeweihstücklein verzierten Meerschaumpfeife.
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Re: Der Eimer und die Schwarze Blume

Beitragvon Charlotte Fondraz » Do 06 Feb, 2014 10:32


Hallo Wolf,
die Geschichte ist in der Tat skurril. Skurril, interessant, unheimlich und sehr ungewöhnlich. Ich mag Wortschöpfungen und ungebräuchliche Kombinationen von Wörtern. Viele gefallen mir ausgesprochen gut (das knorrige Eichenbett; ein durchgealtertes, schwatziges Weib; Dorfgeschwätzigungen; knirschiger Holzschemel, das Röcheln sägt ans Ohr) und versetzen mich quasi physisch in die Szene. Manchmal bin ich nicht sicher, ob sie beabsichtigt sind, oder ob sie mich einfach weniger ansprechen ("für den Tod DEKORIERT", was soll die Jungfrau Maria VERZEIHEN, die Wörter "Parfüm" und "gelästert" passen für mich nicht so gut ins Bild - an "Parfum" ohne ü oder "verlästern", "hetzen" u.a. hätte ich mich weniger gestoszen).
Mit verschiedenen Andeutungen schaffst du Spannung und Lust die Geschichte weiter zu lesen (welche Entbehrungen warten noch auf den Erzähler? Was ist das für ein seltsamer Pfarrer?), und ich habe dann auch auf deiner Webseite weitergelesen, obwohl ich auf so gruselige Sachen nicht stehe.
Eine Frage zu dem Text auf der Webseite: ist es ein Versehen, dass der erste Teil der Geschichte doppelt erscheint? Auch: "Ein durchgealtertes, schwatziges Weib hatte eines Sonntages den Kirchgang verweigert, weil der Pfarrer aufgrund ihrer lasterhaften Umtriebigkeiten ihr den Zutritt zum Gebetskämmerchen verweigert hatte.": zwei Mal das Wort "verweigert"; "es bekreuzigten sich die Leut, wenn das alte Weib deren Weg kreuzte": bekreuzigt+kreuzte.
Diese Wiederholungen (auch: der Pfarrer "pflegt" 2 Mal, nämlich das Parfümbrauen, 2. Absatz, und das Ausleben der Gelüste, 4. Absatz) finde ich etwas schade.
Natürlich alles ganz persönliche und auch ziemlich spontane Eindrücke.
Grusz
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