Geschichten rund um Liebe, Familie oder Freundschaft

31. Dezember 2008

Beitragvon Neruda » So 16 Nov, 2008 19:29


Ich kann kaum noch atmen, so kalt ist es. Du beobachtest mich, das schwere Heben und Senken meiner Brust und die hektischen Handbewegungen. In der einen eine Zigarette, eine von den Aromatisierten mit dem schwarzen Filter. In der anderen einen Pappbecher. Kaffeeähnliche Brühe aus dem Fastfood-Restaurant in der Innenstadt. Ich bin sicher, du kannst höchstens meine Silhouette erkennen, so dunkel ist es. Meine blaugefrorenen, zitternden Finger siehst du nicht, nur die Glut, die durch die kalte Winterluft tanzt. Neben dem halbverdeckten Mond bleibt sie das einzige Licht in dieser Nacht und das ist gut so. Ich genieße den Fall in die Dunkelheit, keine Ängste, keine Sorgen, nicht an den Aufprall denken. Wir reden nicht. Schweigend schaue ich abwechselnd auf das Meer, das sich mächtig und bedrohlich vor mir aufbäumt und den harten Sand unter mir. Ein paar Meter weiter scheint vorhin jemand etwas in den Sand gezeichnet zu haben. Es könnte ein Herz gewesen sein, die Hälfte ist schon weggespült. Ähnlich schnell verblassen die Erinnerungen an das letzte Jahr. Das scheint mir besser so zu sein. Es gibt aber auch kein Morgen, nur ein Jetzt. Nur diesen einen Moment, auf dem all der angesammelte Druck lastet. Du kannst ihm nicht mehr standhalten und öffnest eine Flasche Champagner. Ich frage mich, ob es wirklich etwas zu feiern gibt. Ich bin mir sicher, die Entscheidung ist längst gefallen und Champagner passt ganz und gar nicht dazu. Das nächste Jahr wird nicht unseres sein.
Irgendwo hinter uns hört man in Flensburg die Korken knallen, die ersten Raketen in die Lüfte steigen, ein paar Jubelschreie hier und da. Wir jubeln nicht. Aber du greifst nach meiner Hand. Ich spüre nichts, meine Finger sind taub.
Wir lauschen noch eine Weile dem städtischen Trubel, dann lässt du den Kopf in den Sand fallen. Dein leises, monotones Schnarchen wiegt auch mich in den Schlaf.
Am nächsten Morgen hat der Wind dich fortgetragen. Was bleibt ist ein Hauch deines Parfums an dem Parka, den ich um mich geschlungen halte, ein paar blaue Flecken und ein Kratzer im Gesicht. Es gibt keinen Grund mehr sich zu bewegen.
"...and the poets are just kids who didn't make it." -Fall Out Boy-
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Re: 31. Dezember 2008

Beitragvon Struppigel » Fr 21 Nov, 2008 10:13


Hi Neruda,

der Text wirkt auf mich sehr depressiv: Nichts mehr spüren ("meine Finger sind taub" und die immer wieder erwähnte Kälte), keinen Grund mehr haben, sich zu bewegen.
Aber ich beginne besser von vorn:

In der einen eine Zigarette, eine von den Aromatisierten mit dem schwarzen Filter. In der anderen einen Pappbecher. Kaffeeähnliche Brühe aus dem Fastfood-Restaurant in der Innenstadt.

Der Erzähler vernachlässigt seine eigene Gesundheit - in jeder Hand ein Suchtmittel. Wahrscheinlich schätzt er sich selbst nicht mehr wert. "Kaffeeähnliche Brühe" zeigt, dass ihm nicht an dem Genuss gelegen ist, sondern er lediglich aus Gewohnheit oder Kaffee-Sucht trinkt.

Ich bin sicher, du kannst höchstens meine Silhouette erkennen, so dunkel ist es
Der Ich-Erzähler glaubt, dass sein Partner ihn nicht mehr kennt oder seine Bedürfnisse nicht sieht

Meine blaugefrorenen, zitternden Finger siehst du nicht, nur die Glut, die durch die kalte Winterluft tanzt.
Oben ist sich der Erzähler nicht sicher, was das Gegenüber sehen kann - logischerweise - aber, warum hier? Erwartet er sonst eine Reaktion?
Ein "sieht man nicht" wäre angebrachter, wenn man davon ausgeht, dass der Erzähler die Sichtverhältnisse einschätzen kann, indem er selbst seine Finger beguckt aber dann stellt sich auch die Frage, woher er weiß, dass sie blau sind.
"kalte Winterluft" ist ein Pleonasmus. Du hast aus der Wortfamilie von "kalt" sowieso schon zu viele Wörter verwendet - lass "kalte" weg.

Schweigend schaue ich abwechselnd auf das Meer, das sich mächtig und bedrohlich vor mir aufbäumt und den harten Sand unter mir.
Schön wäre hier eine Erwähnung der Geräusche, die das Meer macht.
Die Situation wird als bedrohlich empfunden, das aufbäumende Meer verkündet Unheit. Der harte Sand bedeutet möglicherweise, dass sie sich nicht weiß "fallen lassen" kann, keinen guten Rückhalt hat.

Ein paar Meter weiter scheint vorhin jemand etwas in den Sand gezeichnet zu haben.
"vorhin" würde ich weglassen.
Wie kommt es eigentlich, dass der Erzähler meint, es wäre so dunkel, dass man nur seine Silouette sehen könne (also keine Abstufungen im eigenen Gesicht mehr), er aber dann ein Herz mehrere Meter weiter im Sand erkennen will?

Ich frage mich, ob es wirklich etwas zu feiern gibt. Ich bin mir sicher, die Entscheidung ist längst gefallen und Champagner passt ganz und gar nicht dazu. Das nächste Jahr wird nicht unseres sein.
Lass den letzten Satz weg. "Die Entscheidung ist längst gefallen" bedeutet dies schon.

Irgendwo hinter uns hört man in Flensburg die Korken knallen,
Warum wird auf einmal Flensburg erwähnt? Halte ich für unnötig. "hinter uns in Flensburg" ist zudem eine seltsame Reihenfolge - als wären die Protagonisten nicht in Flensburg, sondern es läge in deren Rücken.

dann lässt du den Kopf in den Sand fallen.
Das wirkt im ersten Moment ein wenig komisch und erinnert mich an einen Strauß, der den Kopf in den Sand steckt. Es passt als Aussage, dass die Beziehung einfach aufgegeben wird. Trotz (oder wegen?) der Komik gefällt es mir.

ein paar blaue Flecken und ein Kratzer im Gesicht.
Das ist das, was am Ende noch nachhallt, wenn man die Geschichte zuende gelesen hat.
Die wichtigsten Aussagen treten sehr klar hervor. Ein halb weggespültes Herz, immer wieder erwähnte Kälte u.ä. bieten kaum Interpretationsspielraum. Die blauen Flecken schon etwas mehr. Sind es die Wunden, die die verlorene Beziehung hinterlassen hat? Oder ist das der Grund für das Scheitern der Beziehung (sprich - hat der Partner den Erzähler schon in der Beziehung immer wieder verletzt).

Fazit: Eine solide Geschichte, die noch ein paar originellere Metaphern vertragen könnte. In der Perspektive ist noch einiges unausgereift. Die Stimmung kann der Text gut transportieren.

Liebe Grüße
Struppi
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Re: 31. Dezember 2008

Beitragvon Neruda » Di 25 Nov, 2008 23:34


Liebe Struppi,

vielen Dank für deine ausfürhliche Auseinandersetzung mit meinem Text.
Ja, tatsächlich ist das "Ich bin sicher, du kannst höchstens meine Silhouette erkennen, so dunkel ist es." eher metaphorisch gemeint. Eigentlich ist es noch gar nicht so dunkel, wie man am Rest des Textes erkennt. Anscheinend wirkt das aber etwas wirr, da muss ich mri nochmal was überlegen.
Das kalt vor Winterluft wird gestrichen. Das vorhin auch.
"Das nächste Jahr wird nicht unseres sein" aber nicht. Ich mag den Satz :D
Ja Flensburg sollte auch hinter dem Rücken der Protagonisten liegen. So als hätten sie das Leben hinter sich gelassen. Flensburg wird aber gestrichen oder durch Stadt ersetzt oder so.
Das mit dem Kopf in den Sand fallen lassen sollte ein bisschen was von Galgenhumor haben. Schön, dass das bei dir ankommt.
Soloange die Stuimmung transportiert werden kann, ist alles gut, denn das is das was diese Geschichte hauptsächlich soll. Die Zeiten muss ich ochmal überarbeiten, damit es stimmiger wird, mehr Metaphern brauche ich glaueb ich nciht.

Lg, Kim
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