Pessimistische Lyrik

im morgen grauen:

Beitragvon Neruda » Mi 17 Sep, 2008 17:30


von rosa plastikblumen geträumt & gelächelt widerwillen
mir von dir ins herz kotzen lassen -
bis säure verbittert die blutbahn durchflutet, kanäle
verätzt wie deine augäpfel, die mich anstarren & austrocknen
bis ich zerfalle in den armen der ersten sonnen
strahlen war gestern
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Re: im morgen grauen:

Beitragvon Old Gil » Mi 17 Sep, 2008 19:48


Hallo Neruda!
Erstmal vorweg: Mir gefällt dein Gedicht.
Der erste Vers gefällt mir besonders, sehr, sehr schönes, wenn auch nicht gerade revolutionäres Bild. Aber die Situation kennen wahrscheinlich viele Menschen. Was ich merkwürdig finde: Als ich die erste Zeile gelesen habe, dachte ich sofort: "Jetzt kommt irgendwas mit Kotze." Entweder du bist Psychologin (oder so was) oder ich lese in letzter Zeit zu viele Gedichte mit Kotze. Anyway:
Ehrlich gesagt habe ich ein ziemlich ähnliches Gedicht mal im LyFo gelesen, deshalb fehlt mir das Überraschende, das Neue. Trotzdem, mir gefällt das mit der "verbitterten" Säure, wobei ich grün schon fast als Klischeefarbe für erbrochenes sehe. Mal ganz ohne Ironie, wie wäre es mit Gelb? Ist ja auch die Farbe des Neids, vielleicht trifft das sogar deine Intention, und es wirkt realitätsnäher, somit intensiver.
Kanäle passt schön als Bild für eine vermüllte, verseuchte Blutbahn. Allerdings funktioniert bei den anderen Zeilen immer ziemlich gut, das letzte Wort des Vorangehenden Verses im Zusammenhang mit dem nächsten Vers zu sehen ("widerwillen / mir von dir ins Herz kotzen lassen"). Mit verätzten Kanälen kann ich nciht viel anfangen, außer dass sie vielleicht an der Säure kaputtgehen und diese in den gesamten Körper schwämmt... aber ich glaube nicht, dass das so gemeint war.
Vorletzter Vers: Wie wäre es statt zerfallen (was mich an Atomaren Zerfall erinnert) mit "bis ich mich auflöse(...)"? Würde schön in dieses ganze Bild von Säure hineinpassen. Ahh, allerdings da hast du ja noch das wunderbar-doppeldeutige Wort strahlen, da passt der "Zerfall" wieder ziemlich gut... hmm, das musst du selbst wissen. Wie wäre es, "strahlen" ans Ende des vorangehenden Verses zu setzen? Dann wäre es vo Aufbau ähnlich wie Ende Vers eins und Anfang Vers zwei.

Ich denke, das ganze hätte auch ziemlich gut in die Liebeslyrik reingepasst (Oh Mann, wir brauchen wirklich einen anderen Namen für diese Abteilung), der Schmerz und die Wut, die Trauer (so nenn' ich das jetzt mal) die der Text ausstrahlt würden dort evtl. überraschender und somit intensiver rüber kommen, aber hier passt es natürlich auch.

:\\edit: Klar, und natürlich ein schöner Titel.

Wirklich gern gelesen.
Beste Grüße,
erstmal. ...gil
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Re: im morgen grauen:

Beitragvon Neruda » Do 18 Sep, 2008 16:15


Hey Gil,

schön, dass dir das Gedicht insgesamt gefallen hat.
Dass du sowas ähnliches schonmal im Lyfo gelesen hast, könnte daran liegen, dass ich es dort schonmal gepostet habe. Vielleicht kommt es dir ja deswegen bekannt vor?
Also die Farbe meiner Magensäure ist eher grün, deswegen kommt mir das realistischer vor ;) Gelb würde auch gehen, weil die Farbe auch gelb sein kann, aber ich denke ich finde Grün hier passender.
Und doch, das mit der Säure war so gemeint.
Ich denke nicht, dass ich "strahlen" mit zum vorrangegangenen Vers nehmen kann, weil die letzte Zeile dann kaputt geht.
Schön, dass es dir trotz kleiner Makel gut gefallen hat und Danke für deinen Kommentar.

Lg, Kim
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Re: im morgen grauen:

Beitragvon billy beinlos » So 21 Sep, 2008 14:52


Mir gefällts auch, gerade dieses schön Verspielte beim letzten Zeilenwechsel. Sehr bildhaft, das Ganze.
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Re: im morgen grauen:

Beitragvon Neruda » So 21 Sep, 2008 15:29


Danke schön, ich freu mich, dass es dir gefällt :)
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Re: im morgen grauen:

Beitragvon MORDS TUSSI » Di 23 Sep, 2008 10:14


hallo neruda

ich würde von den angestrichenen wörtern einige streichen. das ist zuviel.

von rosa plastikblumen geträumt & gelächelt widerwillen
mir von dir ins herz kotzen lassen -
bis grüne säure verbittert die blutbahn durchflutet, kanäle
verätzt wie deine augäpfel, die mich nun vertrocknet, klein & runzlig
anstarren bis ich zerfalle in den armen der ersten sonnen
strahlen war gestern


mein vorschlag:

von plastikblumen geträumt & gelächelt widerwillen
mir von dir ins herz kotzen lassen -
bis säure die blutbahn durchflutet, kanäle verbittert
wie deine augäpfel, die mich anstarren & austrocknen
bis ich zerfalle in den armen der ersten sonnen
strahlen war gestern


ich weiß es ist radikal, aber da der text sehr prosaisch gehalten ist, gewinnt er durch die reduzierte sprache. wie auch immer.


grüße
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Re: im morgen grauen:

Beitragvon Neruda » Di 23 Sep, 2008 15:07


Hey Tussi,

ja es ist recht radikal, aber an vielen Stellen muss ich dir Recht geben. Das "rosa" in Zeile eins möchte ich nicht steichen, weil ich denke es unterstreicht zusammen mit dem Plastik diese vorgetäuschte Sicherheit. Rosa klingt für mich immer nach Plüsch und Wohlfühlen, ber durch die Verbindung mit dem Plastik wird klar, dass das nur Fake ist.
Das "grüne" kann man wohl tatsächlich streichen, es sollte eigentlich darauf hingewiesen werden, dass es sich auf das "kotzen" und damit auf Magensäure bezieht, aber es erscheint mir jetzt auch überflüssig.
"verbittert" und "verätzt" gefallen mir in der Kombination wie ich sie benutzt habe gut, deswegen werd ich die Stelle so lassen, aber die Alternative zu "vertrocknet, klein &runzlig" gefällt mir sehr, das werde ich auf jeden Fall ändern, weil man die Stelle vorher einfach nicht gut lesen konnte.
Danke für deine Vorschläge.

Lg, Kim
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Re: im morgen grauen:

Beitragvon OlafmitdemTraktor » Di 23 Sep, 2008 18:20


Guten Abend Frau Neruda!
Ich habe mit Freude Ihr Gedicht gelesen, denn der prosaisch gehaltene Lesefluss gefällt mir sehr gut. Nur Schade, dass Ihnen der Mut zur Streichung und Reduzierung fehlt. Der Vorschlag von Herrn Mords Tussi (was hat sich die Hildegard, meine Frau, über den Namen aufgeregt, aber das gehört nicht hierher) mag in seiner Radikalität der Autorin Schmerzen bereiten (Trennungen sind schmerzhaft. Ich kenne das, wenn ich die Kälbchen verkaufe, denen ich meist auch noch in der Nacht auf die Welt geholfen habe.Man hängt an ihnen.), jedoch besticht das Gedicht nachdem es von Herrn Mords Tussi geschoren wurde.
Die Adjektive engen das Gedicht nicht nur ein, sondern berauben es gerade durch ihren Gebrauch in seinem Fluss. Sie wollen konkretisieren, engen aber ein.
"bis grüne säure verbittert die blutbahn durchflutet, kanäle
verätzt wie deine augäpfel, "

Das von Ihnen angelegte semantische Feld läuft über das Kotzen hin zur Säure, welche dann in die Blutbahn gelangt, bis hin zu den Augen, die verätzt werden. Mit den Streichungen von Herrn Mords Tussi liest es sich folgendermaßen:
bis säure die blutbahn durchflutet, kanäle
wie deine augäpfel,

Jeder Leser hat seine eigene Vorstellung von Säure, was Farbe, Geruch, Konsistenz betreffen mag. Genauso wie der Leser im Vorfeld schon das Bild der "Kotze" vor Augen hat, vielleicht schon eilnen bestimmten Geruch in der Nase aufsteigen spürt. Das Säuregefühl bei mehrmaligem Erbrechen ist auch vielen bekannt.
Nun durchflutet die Säure die Blutbahn. Das Fluten bezeichnet ein Ergreifen des gesamten Menschen, die Blutbahn steht dafür, durch alle Kanäle, bis in die letzte Faser hinein glaubt man beim Lesen zu spüren, ziehen sich dieser Schmerz und Wundbrand.
Diese Dramatik- auch durch die vorgestellte Verätzung der Augen auf Grund ihrer hohen Empfindlichkeit-verliert durch die m.E. übertriebene Betonung einerseits der Farbe und andererseits der Benutzung der Geschmackspaare sauer-bitter. Denn entweder sauer oder bitter. Ich denke, die Bitterkeit des Geschehens liegt schon in der Natur der Säure selbst. So wirkt sie selbst kurzzeitig, schlägt aber erbarmungslose, tiefsitzende Wunden. Was bleibt sind die Wunden, die Verletzungen, das Gezeichnetsein. Kurzum Bitternis.
Noch ein Wort zu den rosa Plastikblumen. Die Argumentation des Herrn Evilsuperbitch (oh, das darf die Hildegard nicht lesen, da bekomme ich Ärger wegen des Namens) ist stringent. Das Wort "Plastikblumen" ohne Adjektiv liest sich stärker, deutungsbreiter aber sicherlich nicht zunächst in die von Frau Neruda angedeutete Richtung der vorgetäuschten Sicherheit. Verschiedene Geschmäcker und vielleicht dementsprechende Lebensentwürfe könnten hier assoziiert werden.
Aber so weit so gut. Vielleicht wird ja noch etwas geändert. Ich jedenfalls muss in den Stall.
Es grüßt Sie recht herzlich Ihr OlafmitdemTraktor.
Der Schlüssel zum Glück ist auf jeden Fall ersteinmal ein Schlüssel. (Gregor Libkowsky)
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Re: im morgen grauen:

Beitragvon Neruda » Di 23 Sep, 2008 19:41


@ Fattie: Nein, ich kann das nicht weiter erklären. Tut mir Leid, ich bin da nicht besonders gut drin, ich hab schon so gut wie möglich versucht zu erklären, was ich mir dabei gedacht habe. Meinst du ich soll den Doppelpunkt streichen? Der Übergang kommt mir jetzt auch etwas stockend vor. Ich denke nochmal drüber nach ob ich den einfach streichen kann.

@ Olaf: Wie dir vielleicht aufgefallen ist, habe ich auch schon einige Änderungen von Tussi übernommen. Ich werd mir nochmal Gedanken drüber machen, aber ich glaube wenn ich noch mehr streiche, kommt es dem was ich machen oder aussagen wollte nicht mehr nahe genug.

Danke für eure Kommentare.

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