Märchen, Science Fiction, Fantasy

Im Augenblick des Wunders

Beitragvon Antibegone » Do 10 Sep, 2009 21:36


Anna schritt über den Klinkerfarbenweg zu ihrem Haus, atmete die sonnengefärbte Juliluft, die wie Fingernägel ihre Lunge zerkratzte.
Ihr Freund wartete schon. Er würde sie in den Arm nehmen, hochheben, beglückwünschen. Darauf freute sie sich am meisten, es war das Beste daran, die Prüfung bestanden zu haben; sie hatte nun das Staatsexamen in Jura! Er würde sich mit ihr freuen, hoffen, endlich ein wenig Zeit mit ihr verbringen zu können, nachdem sie wochenlang nichts anderes getan hatte als für die Prüfung zu lernen.
Plötzlich blieb die junge Frau stehen. Da lag ein rundes Schimmern im Gras neben dem Weg. Sie beäugte es, wartete, bis es zurückschaute. Vorsichtig trat sie näher.
Noch ein kleiner, bedachter Schritt, sie kniete nieder. Ihre Blicke strichen über die glatte Oberfläche, liebkosten sie. Behutsam hob sie den seltsamen Gegenstand empor, um ihn direkt vor ihr Gesicht zu halten. Erschrocken stellte sie fest, dass die Kugel die Kühle einer Fensterscheibe hatte, gegen die man die Handflächen presste.
Darin waberten Amethystweiten, die durchdrungen waren von leuchtenden, winzigen Augen. Sie alle schauten auf zu Anna, wollten deren Blicke tief in ihren immer währenden Kreisel ziehen.
Plötzlich schlossen all die winzigen Lichtaugen ihre Lider. Die Kugel stand still. Ein Auge öffnete sich jäh, wuchs an, nahm die Amethystweiten ein. In dem Licht erschien das Bild eines kleinen Mädchens, das quer durch die Wohnung zu seinen Eltern rannte, sie angrinste und verkündete: „Mama, Papa, ich weiß jetzt, was ich werden möchte - ich werde Anwältin!“ Ihr Vater nickte darauf anerkennend. „Da verdient man doch viel Geld, oder?“, hakte das Mädchen ein. „Es ist ein guter Job, ein wirklich guter“, erwiderte er. Die Eltern tauschten einen leise besprochenen Blick. Anna erinnerte sich bis heute daran. Ihre Mutter tätschelte voller Stolz ihren Kopf und setzte an etwas zu sagen.
Anna betrachtete nachdenklich die wabernden Bilder vor ihr, spürte dabei das eiserne Gewicht der Kugel, ihre zitternden Hände.
„Weißt du, mein Kind, ein Plan, der in Erfüllung geht, ist wie ein Wunder. Wenn du jemals ein Wunder bekommst, halte es gut fest“, hörte sie die Stimme ihrer Mutter. „Du musst stark sein und es wollen, verstehst du?“
Anna schüttelte den Kopf, stand auf, ging zurück auf den Weg, fragte sich, ob das jemals ihre eigene Kugel gewesen war. Dann ließ sie den runden Amethyst fallen, zerschmetterte ihn auf dem roten Stein. Nur scharfkantige Wellen blieben zurück. Auf dem Meer schwamm eine kleine Murmel, in die Annas Spiegelbild und ihr Gedanke eingraviert war, als Juristin für Gerechtigkeit eintreten zu wollen.
Gleichzeitig mit dem neuen Augenblick zog der Wind eines Uhrzeigers auf, der Annas Wange streichelte. Als er sie kitzelte, spürte sie die befreite, lebendige Zeit.
Anna zückte den Schlüssel, trat ins Haus, ihr Freund wartete schon. Dabei grinste unbeschwert und begriff das Wunder, das ihr widerfahren war.
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Re: o.T. [Ein Wunder für Anna]

Beitragvon Garfield » So 13 Sep, 2009 15:04


Moin Traumi

Deine Geschichte lässt mich ziemlich ratlos zurück, ich will es trotzdem mal mit einer Krik versuchen:
Anna schritt über den Klinkerfarbenweg zu ihrem Haus, atmete die sonnengefärbte Luft, die in ihrer Lunge prickelte.
Ihr Freund wartete schon. Er würde sie in den Arm nehmen, sie hochheben, sie beglückwünschen. Darauf freute sie sich am meisten, es war das Beste daran, die Prüfung bestanden zu haben; sie hatte nun das Staatsexamen in Jura! Er würde sehr stolz auf sie sein.

Dieser Teil ist quasi die Einleitung. Sprachlich okay, was mir negativ auffällt sind diese vielen sies (siehe oben).
Ansonsten gibt es nicht viel auszusetzen, die Situation klingt relativ realistisch und ist gut beschrieben.
Aber ich sehe den Zusammenhang zwischen dieser Einleitung und dem Rest der Geschichte nicht!

Denn die ändert sich nun radikal:

Mit einem Mal blieb sie stehen. Da lag ein rundes Schimmern im Gras neben dem Weg. Sie beäugte es, erwartete, es würde zurück schauen. Vorsichtig, um es nicht zu erschrecken, trat Anna näher. Noch ein kleiner, bedachter Schritt, sie kniete nieder. Ihre Blicke strichen über die glatte Oberfläche, liebkosten diese. Ihre Finger folgten ihren Augen. Ich kann mir zwar vorstellen ewas du meinst, aber ich finde es nicht günstig ausgedrückt. Vllt eher ihren Blicken als ihren Augen? Die Kugel hatte die Kühle einer Fensterscheibe, gegen die man die Handflächen presste. Vorsichtig hob sie den seltsamen Gegenstand empor, um ihn direkt vor ihr Gesicht zu halten.


Dieser Abschnitt gefällt mir ganz gut. Du beschreibst diesen Gegenstand so, dass ich ihn mir richtig vorstellen kann, auch erzeugts du eine gewisse Spannung: Was hat es mit dem Stein auf sich? Und vor allem warum interessiert er sie so?
Doch schon an dieser Stelle fragte ich mich, wozu das Krams mit dem Jurastudium in der Einleitung. Darauf kommst du meiner Meinung nach ja auch später nie zurück (was ich hier noch vermutet hatte).

Darin waberten Amethystweiten, die durchdrungen waren von leuchtenden, winzigen Augen. Sie alle schauten auf zu Anna und wollten deren Blicke tief in ihren immer währenden Kreisel ziehen.

Diese Beschreibung hingegen finde ich merkwürdig. Hier merkt man, dass die Geschichte sich nun ganz anders entwickelt als man am Anfang denkt. Und für mich beginnt ab hier auch der Teil, bei dem ich nicht mehr verstehe worum es geht.
Sie hat das diesen leuchtenden Stein, der sie zu faszinieren scheint und dann zerstört sie ihn:
Die junge Frau stand auf, ging zurück auf den Weg. Dann ließ sie den runden Amethyst fallen, zerschmetterte ihn auf dem Klinkerstein. Nur ein Meer mit scharfkantigen Wellen blieb zurück.
Ein Zeiger was für ein Zeiger??? streichelte ihre Wange. Anna spürte ihn kaum. Schon zückte sie den Schlüssel, trat ins Haus.
Am nächsten Tag war sie beruhigt. Die Kugel war weg, jede Scherbe, jeder Splitter fein säuberlich dem Klinker entnommen.
Sie fragte sich, ob die Kugel ihr gehört hatte.

Sie hat also den Stein zerstört, dann geht sie nach Hause und am nächsten tag ist alles weg.
Leider bietest du aber nichts an, womit ich diese Szene intepretieren könnte. Der Stein steht sicher für etwas, vllt für ihre Freude, oder für die schöne Zukunft die sie sich ausmalt und vor der sie doch Angst hat, aber das sind eher Spekulationen von mir, die ich am Text nicht belegen kann.
Das liegt auch daran, dass du den Leser am Anfang der Geschichte noch teilhaben lässt an ihren Gedanken, er aber seitdem sie den Stein gesehen hat völlig im Dunklen gelassen wird. Man erfährt nichts über ihre Motive, insofern ist mir das zu wenig greifbar.

Es würde mich wirklich interessieren, was deine Intension war. Wenn du das hier nicht öffentlich schreiben willst, dann vllt per PN? :)

Lieben Gruß garf
Kurz, er bewies eine Geduld, vor der die hölzern-gleichmütige Geduld des Deutschen, die ja auf dessen langsamer, träger Blutzirkulation beruht, einfach gar nichts ist.
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Re: o.T. [Ein Wunder für Anna]

Beitragvon Antibegone » So 13 Sep, 2009 16:26


Huhu Garfield :-)

Ich danke dir erst einmal sehr für deinen Kommentar. Deine Reaktion finde ich sehr nachvollziehbar und hilfreich. Ich habe fast schon geahnt, die Geschichte wäre zu „rätselhaft“. Kein Wunder, dass sie dich ratlos zurück lässt.

Das Problem ist … nun ja, die Geschichte ist mit Absicht so gestaltet, dass sie relativ „offen“ ist. Deswegen wollte ich den Titel als „Schlüssel“ benutzen, damit der Leser zumindest auf irgendeine Spur zur Interpretation kommt. Aber leider ist mir kein guter Titel eingefallen … deswegen halt ohne Titel. Ich habe nur das in Klammern dazu geschrieben, damit man damit vielleicht irgendetwas anfangen kann.

Der Stein steht sicher für etwas, vllt für ihre Freude, oder für die schöne Zukunft die sie sich ausmalt und vor der sie doch Angst hat, aber das sind eher Spekulationen von mir, die ich am Text nicht belegen kann.
Das liegt auch daran, dass du den Leser am Anfang der Geschichte noch teilhaben lässt an ihren Gedanken, er aber seitdem sie den Stein gesehen hat völlig im Dunklen gelassen wird. Man erfährt nichts über ihre Motive, insofern ist mir das zu wenig greifbar.


Das ist gar kein so schlechter Ansatz … ich denke, wenn du das mit dem „Titelschlüssel“ verbindest, könntest du darauf kommen. Wenn nicht, schreib mir einfach noch mal, dann lege ich es dir gerne noch einmal in einer PN dar. Ich finde solches aber oft schade, weil wenn der Autor hinschreibt, was er dachte, zerstört das den eigenen Zugang und ganz neue Betrachtungsweisen auf den Text. Außerdem will ich mich nicht hinstellen als jemand, der die „richtige Interpretationslösung“ präsentiert – weil ich denke, dass keine falsch ist. Aber wenn du Interesse hast, kann ich das natürlich gerne trotzdem tun :-)

Dass zum Schluss weniger über die Motive/ das Innenleben im Konkreten beschrieben wird, ist kein Zufall … die Außenperspektive übernimmt hier die Beschreibung der Gefühlslage. Das habe ich mit Absicht so gemacht. Würde ich schreiben, sie war „traurig“ oder „wehmütig“ oder „wütend“ – würde ich die Geschichte determinieren und die Protagonistin einschränken. Denn in diesem Moment herrscht in ihr eine große Komplexität von Gefühlen, über die sie sich selbst gar nicht im Klaren ist (deswegen kann der arme Autor das auch nicht sein), was vor allen Dingen am letzten Satz deutlich wird: Sie fragt sich, ob die Kugel ihr gehört hatte. Sie ist verwirrt und weiß gar nicht, was sie denkt, fühlt … allein an der Handlung lässt sich dies ablesen.
Vielleicht wird es durch diese Überlegungen etwas klarer?

Das mit dem Zeiger ist gewollt, also – hm, eine Stelle, die vielleicht zu offen ist. Muss ich noch einmal gucken.
Die „sies“ – das ist schwer, weil es eben eine weibliche Protagonistin ist, wo das Wort eben naturgemäß häufig auftaucht. Ich gucke mal, ob ich es etwas reduzieren kann durch Synonyme.
Das mit den „Augen“ ist etwas doof. Im Satz davor habe ich nämlich schon Blicke. Könnte man höchstens tauschen. Gucke ich mir auch noch einmal an.

Nochmals vielen Dank,
und liebe Grüße,
von der Myr

EDIT: Um die "sies" habe ich mich vorläufig gekümmert ...
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Re: o.T. [Ein Wunder für Anna]

Beitragvon Garfield » Mo 14 Sep, 2009 14:44


Moin Traumi

Freut mich, dass mein Kommentar dir helfen konnte.
Ich hab grad mal oben rübergeschaut und siehe da, deutlich weniger sies^^

Das Problem mit der Interpretation ist, dass ich zwar Ideen geäußert habe, die ja laut dir auch an deine Intension rankommen, aber ich hab da eher spekuliert.
Ich zitiere mal aus einer Kritik die ich seinerzeit bekommen habe:
Dir fehlen die Motive.
Das ist halt das Problem an zu offenen Texten. Man könnte hier quasi alles reininterpretieren. Nur nicht am Text belegen.

Dass zum Schluss weniger über die Motive/ das Innenleben im Konkreten beschrieben wird, ist kein Zufall … die Außenperspektive übernimmt hier die Beschreibung der Gefühlslage. Das habe ich mit Absicht so gemacht.


Das du das absichtlich gemachst hatte ich mir schon gedacht, aber ich finde, dass es nicht funktioniert.
Am Anfang gibst du ihre Gedanken preis, später nicht mehr, das halte ich für einen Stilbruch, der den Leser nur verwirrt. Man kommt sich halt etwas doof vor und fragt sich, warum man so absichtlich im Dunkeln gelassen wird.
Vllt ist das auch Geschmackssache und andere haben Lust aufs rätseln, aber ich finde das zu uneindeutig. Der Zusammenhang z.B. zwischen dem Amethyst und dem Prot ist mir nicht klar. Warum ausgerechnet dieser Stein? Diese Bilder passen nicht gut genug zusammen, meiner Meinung nach.

Wenns dir nicht ausmacht würde ich mich tatsächlich über ne PN freuen, wo du mich aufklärst :)

Lieben Gruß Garf
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Re: o.T. [Ein Wunder für Anna]

Beitragvon Antibegone » Mo 14 Sep, 2009 15:06


huhu Garfield :-)

Ja, ich muss sagen mit der "sie-Reduktion" gefällt es mir auch wesentlich besser.

Ich zitiere mal aus einer Kritik die ich seinerzeit bekommen habe:
Dir fehlen die Motive.
Das ist halt das Problem an zu offenen Texten. Man könnte hier quasi alles reininterpretieren. Nur nicht am Text belegen.


Hilfe, ich werde zitiert 8o
oha - nun, ich könnte mich jetzt rausreden und sagen, dass jeder Text eben spezifisch ist und in insofern mit spezifischen Stilmitteln arbeitet, wobei ich die Anwendung hier bei meinem Text als legitim betrachte. Aber -

Das du das absichtlich gemachst hatte ich mir schon gedacht, aber ich finde, dass es nicht funktioniert.


Fakt ist, wenn das beim Leser nicht ankommt, ist das ein Problem :)
Auch dass du das als "Stilbruch" ansiehst, gefällt mir natürlich nicht. Ich wüsste jedoch nicht, wie ich das "glätten" sollte. Müsste ich mir noch einmal eingehend Gedanken machen, ob ich entweder eine Innenperspektive in die Kugelszene einbaue oder aber die Außenperspektive eindeutiger festlege ...

Jaaa, hmm, ich schicke dir einfach mal eine PN. Vielleicht kannst du mir dann auch besser helfen :)

liebe Grüße,
Myr

EDIT: Habe die Geschichte noch einmal überarbeitet und eine Szene eingefügt.
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Re: Im Augenblick des Wunders

Beitragvon Struppigel » Fr 25 Sep, 2009 13:52


Hallo Traumi,

ich kenne noch die alte Version der Geschichte. Diese hatte mich ebenso ratlos zurückgelassen wie Garf. Mit der neu eingefügten Szene wird das Ganze ein wenig klarer, aber noch nicht vollständig für mich.
Die Geschichte erinnert mich an den Film "The Devil's Advocate" und möglicherweise ist die Interpretation da anzusetzen.

Auffällig sind die immer wieder auftauchenden Klinker, aber ich kann damit in meiner Interpretation nichts anfangen.

atmete die sonnengefärbte Luft, die in ihrer Lunge prickelte.

Ich stelle mir das sehr unangenehm vor, wenn es in der Lunge prickelt. Das müsste Hustenreiz hervorrufen.

Die Kugel hatte die Kühle einer Fensterscheide

Eine Fensterscheide? oO

Dann ließ sie den runden Amethyst fallen, zerschmetterte ihn auf dem Klinkerstein.

Fallen lassen und zerschmettern passt nicht zusammen. Entweder sie lässt es fallen und der Stein zerbricht dabei oder sie schmettert den Stein mit eigener Kraft nach unten.

Die Glaskugel - als Klischee-Utensil von Hellsehern - ist Symbol für Blicke in Vergangenheit und Zukunft. Darum enthält diese Glaskugel auch Augen. Das Auge, das die Vergangenheit zeigt, ist einer dieser Augenblicke. Zu tun hat er mit ihrer zukünftigen Laufbahn. Was will die Mutter ihr sagen? Vielleicht hat sie Einwände gegen diesen Berufswunsch hervorgebracht. Vielleicht hat sie dem Kind erklärt, dass seine Sicht nicht korrekt ist. Vielleicht ist sich Anna nun dessen bewusst und versucht es zu verdrängen. Allerdings passt der Anwaltsberuf besser, wenn es um das "Böse" der Justitia geht, als die Richterin. Darum denke ich, dass entweder der Beruf schlecht gewählt oder meine Interpretation nicht stimmig ist.

Grüße
Struppi
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Re: Im Augenblick des Wunders

Beitragvon Antibegone » Fr 25 Sep, 2009 14:54


Huhu Struppi :-)

Erst einmal danke ich dir für die Beschäftigung mit meinem Text.

Zitat:
Die Kugel hatte die Kühle einer Fensterscheide

Eine Fensterscheide?


Warte, ich hebe mich mal kurz vom Fußboden auf …

Okay … jetzt bin ich wieder da, lach.

Also, das Lustige ist wirklich, ich hatte den Fehler schon mal verbessert, aber nicht im Word, sondern nun im Forum. Ich dachte mir da nur: Gut, dass das keiner gesehen hätte. Wäre voll peinlich gewesen. Als ich dann die neue Version rein postete, habe ich sie aber aus dem Word übernommen, wo der Fehler natürlich noch drin war. Und jetzt steht’s doch da …
Das nenne ich Ironie :-)

Deine Interpretation entspricht nicht dem, was ich intendiert habe … hm, ist natürlich nicht schlimm. Aber irgendwie scheint mir das der Geschichte nicht ganz gerecht zu werden – oder zumindest dem, was ich mir dabei gedacht habe.
Ist insofern für mich interessant, als ich dann sehen kann, was möglicher Weise missverständlich ist. Und ja, die Geschichte ist natürlich nicht ganz eindeutig. Ich versuche mal, anzudeuten, was eigentlich gemeint war…

Die Glaskugel - als Klischee-Utensil von Hellsehern - ist Symbol für Blicke in Vergangenheit und Zukunft. Darum enthält diese Glaskugel auch Augen. Das Auge, das die Vergangenheit zeigt, ist einer dieser Augenblicke.


Hm ja – kann man so deuten … für mich ist die Glaskugel noch mehr. Hängt mit einer anderen Geschichte zusammen, die ich mal schrieb, und die ich natürlich nicht als bekannt voraussetzen kann. Insofern kann man deine Interpretation ohne Weiteres so stehen lassen. Ich wollte nur anmerken, dass dieses Symbol nicht ganz so einfach sein muss.

Was will die Mutter ihr sagen? Vielleicht hat sie Einwände gegen diesen Berufswunsch hervorgebracht.


Mir ist wirklich schleierhaft, wie du darauf kommst? Kannst du mir das vielleicht erklären? Die Mutter tätschelt ihren Kopf, ist doch eine Geste für: Hast du gut gemacht. Der Zuneigung. Der Bestätigung. Jedenfalls etwas Positives – warum sollte sie etwas anderes sagen?!
Deine Interpretation läuft auf Basis dessen weiter und zwar in eine Richtung, die ich so keinesfalls erwartet hätte.

Fallen lassen und zerschmettern passt nicht zusammen. Entweder sie lässt es fallen und der Stein zerbricht dabei oder sie schmettert den Stein mit eigener Kraft nach unten.


Wieso passt das nicht zusammen? Wenn ich etwas fallen lasse, zerschmettere ich es dabei. Das Fallenlassen und Zerschmettern ist etwas, was meiner Meinung nach simultan laufen kann, ich benutze sie hier hauptsächlich als Synonyme. Das eine drückt eine Art „Versehen“ aus, das andere eine „Absicht“. Man kann hier sicher pingelig sein und sagen, entweder ich mache es absichtlich oder aus versehen. Aber hier schildere ich ja in gewisser Weise in der Außensicht, was in Anna abläuft – und da sieht es so aus, dass sie gar nicht weiß und niemals wissen wird, ob es Absicht oder Versehen war. Insofern glaube ich, dass der Widerspruch da ist, aber durchaus legitim.

Zitat:
atmete die sonnengefärbte Luft, die in ihrer Lunge prickelte.

Ich stelle mir das sehr unangenehm vor, wenn es in der Lunge prickelt. Das müsste Hustenreiz hervorrufen.


Ich habe ja nicht gesagt, es sei angenehm für sie … vielleicht reizt es ihre Lunge auch, ja, warum nicht?

Hm, die Geschichte ist nicht so richtig leicht zu interpretieren, was? … Hoffe jetzt ist es vielleicht ein bisschen klarer, aber wenn du Fragen hast, wäre es mir natürlich eine Freude sie zu beantworten :-)

Liebe Grüße,
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Re: Im Augenblick des Wunders

Beitragvon Struppigel » Fr 25 Sep, 2009 20:32


Hallo Traumi,

das mit der Fensterscheide ist wirklich: :D D D

Das eine drückt eine Art „Versehen“ aus, das andere eine „Absicht“

Nein, das sehe ich nicht so. Man kann sowohl absichtlich als auch unabsichtlich etwas fallen lassen. Zerschmettern ist dagegen immer Absicht. Aber das ist auch nicht mein Problem damit. "Fallen lassen" bedeutet, etwas lediglich loszulassen - man entspannt die Muskeln und überlässt der Schwerkraft das Übrige. "Zerschmettern" ist dagegen ein aktiver Vorgang. Entweder man zerschlägt den Gegenstand direkt oder man wirft oder schleudert ihn gegen etwas anderes - die Wand, den Boden, was auch immer. Auf jeden Fall hilft man mit eigener Muskelkraft nach. Darum widersprechen sich beide Tätigkeiten.

Mir ist wirklich schleierhaft, wie du darauf kommst? Kannst du mir das vielleicht erklären? Die Mutter tätschelt ihren Kopf, ist doch eine Geste für: Hast du gut gemacht. Der Zuneigung. Der Bestätigung. Jedenfalls etwas Positives – warum sollte sie etwas anderes sagen?!

Dass das anders zu betrachten ist, verwundert mich wiederum. Mir schien das relativ eindeutig. Ich versuchs mal zu erklären. Da steht: "Ihr Vater nickte darauf anerkennend und die Mutter tätschelte sanft ihren Kopf und setzte an etwas zu sagen - " Das klang für mich wie "Ja, das sind zwar tolle Ideen Kind, aber ..." Daraufhin zerschmettert Anna den Stein, was meinen Eindruck bestätigte. Sie wollte das Folgende nicht hören, so meine Schlussfolgerung.

Ich habe ja nicht gesagt, es sei angenehm für sie … vielleicht reizt es ihre Lunge auch, ja, warum nicht?

Nicht direkt, aber Du beschreibst die Luft als sonnengefärbt, was sehr positiv besetzt ist, und Anna stört sich offenbar nicht am Prickeln. Warum also sollte man annehmen, dass es unangenehm für sie ist, wenn alles andere auf das Gegenteil hindeutet? Für mich passt das so nicht rein.

Hm, die Geschichte ist nicht so richtig leicht zu interpretieren, was?

Leider nicht. :(
Jetzt ist mir alles noch schwieriger. Warum diese Unmut von Anna, wenn alles zusammenzupassen scheint? Warum die Vergangenheit verdrängen, wenn sie keinen Widerspruch zu ihrer Gegenwart darstellt, da Anna doch offenbar erreicht hat, was sie wollte? Was könnte die Glaskugel noch bedeuten? Ein Relikt ihrer Kindheit? Sie will nicht an die Kindheit zurückdenken, irgendetwas tut Anna daran weh. Sind ihre Eltern nicht mehr am Leben? Schließlich wurde nur erwähnt, dass der Freund auf sie wartet. Dabei müsste das auch für die Eltern ein Grund zum Feiern sein. Allerdings erscheint mir der Tod der Eltern zu weit hergeholt und nicht richtig konsistent. Ich habe keinen Schimmer, Traumi.
Aber wie ich immer wieder betone: Interpretieren ist gar nicht meine Stärke.

Liebe Grüße
Struppili
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Re: Im Augenblick des Wunders

Beitragvon Antibegone » So 27 Sep, 2009 12:12


Huhu Struppi :-)


Aber das ist auch nicht mein Problem damit. "Fallen lassen" bedeutet, etwas lediglich loszulassen - man entspannt die Muskeln und überlässt der Schwerkraft das Übrige. "Zerschmettern" ist dagegen ein aktiver Vorgang.


Du beschreibst den Unterschied im Kontrast von „aktiv“ und „passiv“. Ja, kann ich nachvollziehen – auch wenn ich eine enge Verbindung zu „versehentlich“ und „absichtlich“ sehe und davon ausgehe, dass beide Zuordnungen sich im Prinzip nicht ausschließen.
Den Widerspruch sehe ich auch. Aktiv und passiv sind Gegensätze. So ist die Definition. Aufgrund unseres Sprachgebrauchs sind wir daran gebunden.
Auf der anderen Seite … ich versuche meine Geschichten immer etwas „anders“ zu machen, Konventionen zu brechen, Sprache als nicht alltägliches darzustellen (ich versuche es, weiß nicht, ob es mir gelingt und wenn vielleicht auch oft zu ungeschickt). Deswegen schildere ich diese „Zwischenwelt“. Du könntest ja auch argumentieren, hey das ist totaler Schwachsinn, warum sollte denn dort im Gras eine Glaskugel liegen? Wie kommt die dahin? Und es ist ja wohl unrealistisch, dass sie daran ihre Vergangenheit sieht. Dann würde ich sagen: Ja, du hast Recht.
Vielleicht aber stimmst du mit mir überein, dass diese Fragestellungen der Geschichte nicht gerecht wird, weil sie ja gerade auf etwas anderes hinaus will als die Realität. Sie beschreibt etwas, was passiert ist – aber auf fantastische Weise, die das Innere nach Außen kehrt, surreal sein will. Sie zeigt, was bei dem passiert, was passiert … ich weiß nicht, ob du meine Geschichte „Schattenspiel“ noch kennst (entschuldige den Rückgriff darauf und die Länge meiner Ausführungen)? Dieser liegt das gleiche Prinzip zu Grunde.
Insofern finde ich es dann auch gerechtfertigt, wenn Sprache und Inhalt einheitlich sind. Also wenn sie beide mit Widersprüchen arbeiten, surreal, fantastisch sind. Und manchmal eben auch unlogisch.
Ich kenne sogar einen Ausdruck für dieses aktiv-passivische. „Sich-Führen-Lassen“ statt „Geführt-Werden“. Führt jetzt vielleicht etwas weit … aber es will darauf hinaus, dass auf uns externe Einflüsse wirken, deren wir nicht Herr sind. Aber wir können bestimmen, ob wir uns davon leiten lassen oder nicht und, wenn wir uns leiten lassen, oft auch wie. Wobei das aktivische Moment hervorgehoben wird.

Mir ist vollkommen klar, dass es im Grunde auf die Ausrede hinausläuft: Ja, du hast Recht, aber dass soll so sein. Ich möchte mich natürlich nicht dahinter verstecken, aber ansonsten bin ich leider ratlos, was ich tun sollte …

Nicht direkt, aber Du beschreibst die Luft als sonnengefärbt, was sehr positiv besetzt ist, und Anna stört sich offenbar nicht am Prickeln. Warum also sollte man annehmen, dass es unangenehm für sie ist, wenn alles andere auf das Gegenteil hindeutet? Für mich passt das so nicht rein.


Überarbeite ich vielleicht nochmal …

Jetzt ist mir alles noch schwieriger. Warum diese Unmut von Anna, wenn alles zusammenzupassen scheint?


Ja! Genau! Das ist das, worauf ich hinaus wollte. Ihre Handlung ist unverständlich, das hast du gut erkannt.
Nur: Sie verdrängt ihre Vergangenheit nicht. Also, hm, ich finde der Ausdruck passt nicht, weil es einen längeren Zeitraum beschriebe. Der Moment, in dem sie die Kugel zerstört, ist aber jäh. Und die Kugel repräsentiert ja auch nicht ihre ganze Kindheit … sie ist das Wunder, das Wunder, das geschieht, wenn ein Wunsch in Erfüllung geht. Daher auch der Titel. Aber das heraus zu lesen, war vielleicht auch fast unmöglich, meinte Garfield ja auch schon … ich persönlich finde der Inhalt ist eigentlich gar nicht so schwer zu erfassen, aber das sagt sich ja auch leicht als Autor, he he. Vielleicht baue ich noch mal eine Interpretationshilfe ein … aber dann wollte ich es auch nicht so offensichtlich machen.
Mir fällt gerade auf: Das mit dem Wunder scheint gar nicht zu wirken, hm?

Also, dass die Eltern gestorben sind, kommt mir doch etwas weit hergeholt vor. Die leben noch so weit ich weiß.
Weißt du, ich glaube – generell - du bist schon auf der richtigen Fährte, ich denke nicht, dass du so falsch interpretiert hast. Und ich habe überlegt: Vielleicht ist gerade dieses Unverständnis auch Teil des Inhalts. Vielleicht gehört das dazu ...

Aber ich befürchte, du kannst immer noch nicht so viel damit anfangen, oder? ...

Liebe Grüße,
Traumi
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Re: Im Augenblick des Wunders

Beitragvon Struppigel » So 27 Sep, 2009 12:56


Hallo Traumi,

die Kugel repräsentiert ein Wunder und geht in dem Moment kaputt, als dieses Wunder geschieht?
Darauf kann man meines Erachtens nicht kommen, denn einleuchtend ist es für mich jetzt immer noch nicht. Anna zerstört die Kugel, die das Wunder repräsentieren soll. Warum? Warum ist sie froh, dass die Kugel restlos verschwunden ist? Darüber wäre man doch nur froh, wenn die Kugel etwas Unangenehmes wäre. Der ganzen Geschichte haftet etwas unterschwellig Schlechtes an. Kein Wunder, dass man nicht auf ein Wunder kommt.
Du könntest ja auch argumentieren, hey das ist totaler Schwachsinn, warum sollte denn dort im Gras eine Glaskugel liegen?

Ich argumentiere deshalbt nicht so, weil die Absicht des Surrealen erkennbar ist. Der Zerschmettern-Fallen-Lassen-Widerspruch dagegen sieht wie Unvermögen aus und nicht nach Absicht (zumal es der einzige sprachliche Widerspruch in Deiner Geschichte ist - schon das ist ein Stilbruch).

Tut mir leid, an Schattenspiel kann ich mich nicht mehr erinnern.

Liebe Grüße
Struppi
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Re: Im Augenblick des Wunders

Beitragvon Antibegone » So 27 Sep, 2009 15:49


Huhu Struppi :-)


Irgendwie habe ich das Gefühl wir reden aneinander vorbei … vielleicht denke ich zu unlogisch oder du zu logisch. Jedenfalls scheinen sich unsere Sichtweise auf die Welt etwas zu unterscheiden, wenn ich das sagen darf, ohne dir zu nahe zu treten?

Darauf kann man meines Erachtens nicht kommen, denn einleuchtend ist es für mich jetzt immer noch nicht. Anna zerstört die Kugel, die das Wunder repräsentieren soll. Warum? Warum ist sie froh, dass die Kugel restlos verschwunden ist? Darüber wäre man doch nur froh, wenn die Kugel etwas Unangenehmes wäre. Der ganzen Geschichte haftet etwas unterschwellig Schlechtes an. Kein Wunder, dass man nicht auf ein Wunder kommt.


Puh, ja. Ich denke ich muss doch mehr ausschweifen. Bin nur leider nicht gut im Erklären. Und ich möchte dir auch nicht meine Sichtweisen aufzwängen … verstehe bitte meine Ausführungen nicht als Belehrung oder als „Komplettlösung“ für die Geschichte, die einzig und allein Wahrheitsanspruch hat.

Denn: Ich habe noch mal nachgedacht. Und die Reaktion, die die Geschichte bei dir hat, steckt dort drin. Das Unverständnis, warum jemand sein eigenes Wunder zerstören sollte. Das kann man denke ich aber auch so stehen lassen. Solange es der Geschichte immanent ist und nicht als äußere Kritik an ihrer Logik verstanden wird.

Aber ich möchte gerne etwas – und zwar in meinem eigenen Interesse – klar stellen, damit ich mich nicht ganz unverstanden fühlen muss ;-)

die Kugel repräsentiert ein Wunder und geht in dem Moment kaputt, als dieses Wunder geschieht?


Nein, das Wunder ist geschehen und liegt sozusagen vor ihr. Aber das Wunder ist ihr fremd geworden, sie fragt sich doch am Ende, ob das ihre Kugel gewesen war. Das ist der entscheidende Punkt. Und sie lässt das Wunder fallen. Sie macht es nicht genuin absichtlich kaputt, aber lässt es auch nicht unabsichtlich fallen. Sie lässt es geschehen …
Symbolisch heißt das: Sie hat die Möglichkeit, ihren Traum wahr werden zu lassen. Aber sie lässt eben diese bewusst verstreichen.
Ich möchte die These aufstellen, dass unsere Gesellschaft heute sehr „ziel- und zweckorientiert“ denkt. (Du kannst mir gerne widersprechen, es ist halt die Grundannahme hier). Und wenn ich was erreiche, ist das gut, wenn mein Leben gelingt, bin ich etwas wert. Annas Eltern wollten das für ihr Kind natürlich auch. Wie fast alle Eltern, deswegen sind sie stolz, dass ihr Mädchen etwas „Anständiges“ lernen will.
Aber die Geschichte will genau das in Frage stellen. Sie fragt, ob Menschsein von Erfolg abhängt. Du beantwortest in gewisser Weise die Frage. Nämlich dadurch, dass du nicht verstehst, warum sie das tut. Es sieht einfach unlogisch aus. Sie solle doch lieber froh sein. Natürlich. Und das ist eine legitime Reaktion.
Deswegen glaube ich, ist das in der Geschichte vorhanden. Und wenn du das so siehst ist das kein Interpretationsfehler.

Der Zerschmettern-Fallen-Lassen-Widerspruch dagegen sieht wie Unvermögen aus und nicht nach Absicht (zumal es der einzige sprachliche Widerspruch in Deiner Geschichte ist - schon das ist ein Stilbruch).


Hm ja … nun, Garfield hat hier auch schon einen Stilbruch entdeckt. Und zwar in Bezug auf die Innenperspektive, die den ersten Teil der Geschichte bestimmt, und die Außenperspektive, in der sie weiterzählt wird. Klar, könnte man sagen „Traumi, das ist aber ein formaler Widerspruch“. Ist mir klar … Trotzdem sind es Stilbrüche. In gewisser Weise könnte man auch den ersten Satz als widersprüchlich ansehen, würde passen …
Vielleicht überlege ich noch mal, ob ich die Sprache noch mehr breche. Ich wollte sie eigentlich nicht „überfrachten“. Aber mir scheint es einleuchtend, Unlogik logisch und konsequent fortzusetzen.
Ich muss auch zugeben, dass ich den Text nicht als Meisterwerk betrachte. War eher eine Schreibübung - und hätte nicht erwartet, dass er so schwer verständlich ist. Hehe, falsch gedacht :)

Ich danke dir noch einmal für die Beschäftigung. Deine Reaktion hat mir etwas Wichtiges gezeigt und mir weiter geholfen, denke ich.

Liebe Grüße,
Traumi

EDIT: ich habe den ganzen Text jetzt noch einmal überarbeitet. Ich habe versucht ein paar Eindeutigkeiten zu schaffen. Auch den ersten Satz habe ich mir noch einnmal vorgenommen und die Szene mit den Eltern. Am Schluss habe ich versucht die Gefühlswelt von Anna etwas deutlicher darzustellen, hoffe dadurch wird es irgendwie verständlicher :)
Drehrassel: "Als Lyriker sollte man eine ahnende Checkung haben, von dem, was man da macht."
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Re: Im Augenblick des Wunders

Beitragvon Garfield » So 18 Okt, 2009 18:05


Moin Traumi

Wie ich dir schon sagte, die Änderung ist defintiv eine Verbesserung. Man sieht nun etwas aus ihrer Vergangenheit und erfährt so immerhin etwas mehr über sie. Aber ihre Motive bleiben weiter unklar:
Gezeigt wird, wie sie bereits als Kind den traum äußerte Richterin zu werden. Diesem Ziel ist sie durch das Jurastudium ja nun recht nah. Dennoch zerstört sie die Kugel und somit ihren Traum. Warum erfährt man nicht. Somit bleibt leider wieder nur viel Raum für Spekulationen.
Eigentlich scheint alles super zu sein: Studium geschafft, dem Traum ein Stück näher, der Freund wird stolz auf sie sein, worauf sie sich ja eindeutig freut.
Dass sie auch am Ende der Geschichte lächelt verwirrt mich.
Freude überall, aber die Kugel wird zerstört ?(

Natürlich habe ich Ideen warum: Angst vor dem Neuen, jetzt da das Ziel erreicht ist, oder sie stellt fest, dass das nicht alles sein kann, dass das Jurastudium sie nicht glücklich macht. Aber wie gesagt, in dem Text finde ich dafür keine wirklichen Hinweise.

In seiner neuen Variante fällt mir aber auch noch eine neue Interpretation ein: Sie lässt die Vergangenheit nun hinter sich. Sie hat erreicht was sie wollte, freut sich auf den neuen Lebensabschnitt den Neuanfang und reißt deswegen die Brücken hinter sich ein um komplett frei zu sein. Kann mich zwar nicht erinnern, dass davon was in deiner PN stand, aber passen würde es recht schön zur Geschichte. In diesem Fall wäre die Kugel nicht das Wunder sondern stünde für die Vergangenheit.

Wenn ich mir aber deine Antwort bei Struppi anschaue:
[quote="Myr'jam":3hlphfq3]Nein, das Wunder ist geschehen und liegt sozusagen vor ihr. Aber das Wunder ist ihr fremd geworden, sie fragt sich doch am Ende, ob das ihre Kugel gewesen war. Das ist der entscheidende Punkt. Und sie lässt das Wunder fallen. Sie macht es nicht genuin absichtlich kaputt, aber lässt es auch nicht unabsichtlich fallen. Sie lässt es geschehen …
Symbolisch heißt das: Sie hat die Möglichkeit, ihren Traum wahr werden zu lassen. Aber sie lässt eben diese bewusst verstreichen.
Ich möchte die These aufstellen, dass unsere Gesellschaft heute sehr „ziel- und zweckorientiert“ denkt. (Du kannst mir gerne widersprechen, es ist halt die Grundannahme hier). Und wenn ich was erreiche, ist das gut, wenn mein Leben gelingt, bin ich etwas wert. Annas Eltern wollten das für ihr Kind natürlich auch. Wie fast alle Eltern, deswegen sind sie stolz, dass ihr Mädchen etwas „Anständiges“ lernen will.
Aber die Geschichte will genau das in Frage stellen. Sie fragt, ob Menschsein von Erfolg abhängt. Du beantwortest in gewisser Weise die Frage. Nämlich dadurch, dass du nicht verstehst, warum sie das tut. Es sieht einfach unlogisch aus. Sie solle doch lieber froh sein. Natürlich. Und das ist eine legitime Reaktion.
Deswegen glaube ich, ist das in der Geschichte vorhanden. Und wenn du das so siehst ist das kein Interpretationsfehler. [/quote]
war das wohl nicht deine Intension. Doch ich muss sagen, so etwas wie du schreibst, kann ich hier nicht rauslesen. Natürlich, die Verwirrung, die empfinde ich, aber für solche Deutungen oder gar Kritik an der Leistungsgesellschafft fehlt es nach wie vor an Motiven!


Noch ein bisschen was zur Schreibe:
[quote="Myr'jam":3hlphfq3]Anna schritt über den Klinkerfarbenweg zu ihrem Haus, atmete die sonnengefärbte Juliluft, die brennende Risse in ihre Lunge schnitt.[/quote]
Brennende Risse? Das klingt aber sehr brutal und äußerst ungesund. Würde ich defintiv ändern.

[quote="Myr'jam":3hlphfq3]
Darin waberten Amethystweiten, die durchdrungen waren von leuchtenden, winzigen Augen. Sie alle schauten auf zu Anna und wollten deren Blicke tief in ihren immer währenden Kreisel ziehen.
Plötzlich schlossen all die winzigen Lichtaugen ihre Lider. Die Kugel stand still. Ein Auge öffnete sich jäh, wuchs an, nahm die Amethystweiten ein.[/quote]
Diese Beschreibungen gefallen mir sehr gut!

Anna stand auf, ging zurück auf den Weg. Dann ließ sie den runden Amethyst fallen, zerschmetterte ihn auf dem Klinkerstein. Nur scharfkantige Wellen blieben zurück.

Hier muss ich Struppi zustimmen. Ließ sie ihn fallen oder hat sie ihn zerschmettert? So wie es jetzt da steht ein Widerspruch.

[quote="Myr'jam":3hlphfq3]Als der Augenblick verging, zog der Wind eines Uhrzeigers auf, streichelte Annas Wange. [/quote]
Ebenfalls sehr schöner Satz!

Dinge die ich früher schon mal kritisiert habe und die nicht geändert wurden habe ich jetzt weggelassen. (Zum Beispiel Fingern die Augen folgen :D )

Gruß Garfield
Kurz, er bewies eine Geduld, vor der die hölzern-gleichmütige Geduld des Deutschen, die ja auf dessen langsamer, träger Blutzirkulation beruht, einfach gar nichts ist.
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Re: Im Augenblick des Wunders

Beitragvon Antibegone » Sa 31 Okt, 2009 16:51


Erst einmal möchte ich mich entschuldigen für die lange Zeit, die ich gebraucht habe, um zu antworten. Habe sehr lange abgewogen. Mich hat irgendwie doch sehr nachdenklich gemacht, dass anscheinend niemand, die Geschichte verstanden hat … hm, ich hab halt überlegt, ob ich das so stehen lassen will. Irgendwie hat es was, weil das Unverständnis doch irgendwo der Geschichte immanent ist – aber ich finde damit verfehlt eine Geschichte ihren Zweck, wenn sie darauf und nur darauf hinaus laufen kann. Und ich fänd’s irgendwie auch doof mich dahinter zu verstecken, zu sagen das soll so sein.
Trotzdem stand(/ steh) ich natürlich vor dem Problem: Wie soll ich das verständlich machen? Irgendwo ist dort meiner Meinung nach eine Verständnisbarriere, die ich gar nicht bedacht habe. Für mich war es vl zu selbstverständlich (also ich möchte damit sagen, ist ja meine Schuld, nicht die Schuld eines vermeintlich dummen Lesers).
Was ich gemacht habe, ist, den Begriff des Wunders „allgemeinverständlicher“ zu machen. Mir war gar nicht klar, dass dieses Wort eigentlich doch ziemlich schwierig ist… zumindest in der Verarbeitung, die ich gewählt habe. Ich habe die Doppeldeutigkeit raus genommen und mich für eine Variante, die vl irgendwie einleuchtet, entschieden. Außerdem habe ich versucht, die Intentionen der Eltern/ des Freundes mehr hervor zu heben. Die waren vermutlich viel zu sehr Statisten…
So viel erst einmal allgemein… wenn die Geschichte jetzt immer noch so komisch, unverständlich ist, dann muss sie wohl für mich alleine stehen. Fänd ich sehr schade. Aber mir gehen langsam echt die Ideen aus, lach.

Lieber Garfield :)

Ich danke dir erst einmal herzlich, dass du dir die überarbeitete Version noch einmal durchgelesen hast. Ich bin dir wirklich dankbar für deine Meinung… hm, ja, mit der Vergangenheitsepisode gefällt es mir auch viel besser, hast du mich auf eine gute Idee gebracht :)
Schade, dass die Motive noch immer nicht so klar waren… ich habe versucht, das noch einmal zu integrieren. Ich glaube, es ist immer noch nicht so ganz perfekt, aber vielleicht wenigstens ein bisschen besser.

Sie lässt die Vergangenheit nun hinter sich.


Jaaa, mir ist aufgefallen, dass die Wortwahl zu dieser Interpretation einlädt… Das gefällt mir ganz und gar nicht. Ich habe die Wortwahl geändert, aber ich glaube, irgendwo steckt das dort halt doch drin, bzw. man kann es herauslesen, was ich aber auch nicht wüsste, wie ich das ausschließen sollte… und ich glaube, eigentlich geht das gar nicht.

Natürlich, die Verwirrung, die empfinde ich, aber für solche Deutungen oder gar Kritik an der Leistungsgesellschafft fehlt es nach wie vor an Motiven!


Ja, ich sehe vollkommen ein, was du meinst….

Brennende Risse? Das klingt aber sehr brutal und äußerst ungesund. Würde ich defintiv ändern.


Sollte es auch ;) Trotzdem habe ich es geändert. War sprachlich einfach irgendwie ungeschickt...

Diese Beschreibungen gefallen mir sehr gut!


Wenigstens etwas ;)

Den Finger- Augensatz habe ich jetzt ganz raus genommen. Es geht auch ohne, dachte ich.

Wenn du Lust hast, kannst du dir ja mal angucken, was ich jetzt geändert habe. Ich danke dir jedenfalls für deine Meinung und deine hilfreichen Anmerkungen.

Huhu Mo :)

Erst einmal: Wow, eine schöne Kritik, die du mich geschrieben hast. Hat mir sehr geholfen. Ich mag deine ehrliche, unbestechliche Art ;)

Also, kryptische Texte zu schreiben ist natürlich nicht meine Absicht, nur um das mal festzustellen. Und in meinen Lesern ein „wtf- Gefühl“ auszulösen auch nicht. Das käme mir dann doch etwas hohl vor…
Wie ich vl schon mal gesagt habe: Bei dieser Geschichte war mir gar nicht bewusst, dass sie so komisch, so unverständlich sein könnte. Was natürlich (wie auch schon gesagt) ein Fehler der Autorin ist, die sich oft nicht sonderlich verständlich ausdrückt.

allgemein mangelt es anna an motiven. ja im text finden sich gar keine motive. ich wollte mal astronaut werden, um essen aus zahnpastatuben zu mir zu nehmen - warum wird anna wohl richter, warum kann dieser kleine wunsch sich solange halten usw.
auch die anderen figuren tretten blank und motivlos auf


Ja, das kann sein, vl. neigte ich auch in meiner eigenen Vorstellung zu bestimmten Charakteren, deren Motive mir so klar schienen, dass ich sie nicht erwähnte … äh, ja, ist ein klarer Fehler, ist mir bewusst.
Ich habe mich jetzt bemüht, es irgendwie deutlich zu bekommen.
Für mich ist es halt eine schwierige Gradwanderung zwischen Sachen zu offen lassen und Sachen zu offensichtlich darzustellen. Wahrscheinlich erinnerst du dich gar nicht mehr an meine ersten Texte – aber die waren dann doch absolut überdeutlich. Dafür übe ich das Schreiben und freue mich natürlich sehr über Rückmeldungen…
Dass also diese Geschichte und die Figuren motivlos, unverständlich erscheinen, leuchtet mir ein.

seltsam ist auch, dass wir zwar in annas gedanken blicken können, wie sie sich vorstellt auf ihren freund zu treffen, ja! anna hat gefühle sie lächelt, sie liebkost, seltsam ist aber: anna denkt nicht; sie handelt ein wenig, aber sie fasst keinen gedanken. - nungut sie fragt sich ob das ihre kugel gewesen ist und man möchte ihr für die strunzdumme frage das examen wieder wegnehmen und sie putzen schicken... blöde kuh- wessen kugel denn sonst?! die der mutter, des vaters, des freundes, des heiligen geistes?


Da musste ich erst mal lachen, sorry…

Hm, ich habe die Stelle mit der Kugel und dem Ihr-Gehören mal früher gesetzt in der Hoffnung es würde die Wirkung dieses Satzes verändern.

Was mir auch klar ist, dass die Geschichte so wirkt, als wolle sie jetzt wirklich ihr Examen in die Tonne treten. Ja, nein, also das ist nicht gemeint, es ändert sich nur ihre Motivation …
Vl. ist das jetzt deutlicher.


Einige Formulierungen habe ich jetzt auch geändert. Vor allen Dingen auch, um die Fremde der Kugel hervorzuheben.
Dass die Kugel ein gewisses Eigenleben hat, finde ich im Übrigen, gar nicht so abwegig –
Anna muss keine „zenbuddistische hippi authistin“ sein, damit sie das bemerkt, obwohl ich den Gedanken lustig finde.
Nein im Ernst, habe aber auch dort ein bisschen was verändert, um klar zu stellen, was hier gemeint ist.

hier scheint für mich der erzähler diktator gewesen zu sein


Cool, ich bin ein Diktator :) *freu*
Scherz, ähm, mir leuchtet ein, was du meinst….

So, also wie gesagt, habe einiges geändert. Vl ist es ja ein wenig weniger schlimm jetzt, hihi. Hoffe gerade, dass die Geschichte jetzt nicht zu platt ist…

Dir auf jeden Fall noch einmal ein herzliches Dankeschön für die ausführliche Beschäftigung mit der Geschichte.


Es grüßt ganz lieb,
Myr
Drehrassel: "Als Lyriker sollte man eine ahnende Checkung haben, von dem, was man da macht."
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