Für alle Gedichte, die zwischenmenschliche Beziehungen behandeln - mit Ausnahme der Liebeslyrik

Trotz allem

Beitragvon rivus » So 09 Jun, 2019 14:39


Mohnrot und Kornblumenblau weisen mir den Weg,
zum Jasmin, der unterm Junimond blütenreich blüht.
Nie werde ich seine weiße, Sterne einfangende Baumkrone vergessen,
die uns immer Sänfte, Traumdeuter, Flügelpferd war.
Heute schüttelt er ungläubig sein Königshaupt,
weil er mich nur allein sieht und mich fragt,
warum ich dich nicht mitgebracht habe.
Ich kann ihm dein Fehlen nicht erklären,
dein Fortbleiben nicht verstehen!
Du bist mit dem Tod gegangen,
und er wühlt, zerrt in mir, zieht nicht weiter,
bleibt ein nachtretender, dunkler Vollstrecker.

Nun habe ich Angst,
du könntest keinen Frieden finden,
wenn ich dein Fortgehen wie etwas beklage,
dass du uns angetan hast
oder dass du erleiden musstest.

Daher hab keine Sorge!
Ich schnitt den rasch rankenden Wein nach deinem Schneidermaß,
verpasste dem Kirschlorbeer einen Fasson,
eroberte vom Portulac die Blumenrabatte zurück.
Für dich habe ich das Rosenbäumchen von ihm befreit!
Die Vierjahreszeitenhecke hat nun eine äolische Aura.
Die Regenrinne posiert mit der Je länger je lieber,
will sich bald in einem äonisch-gelben Sommerkleid zeigen.
Vor dem Küchenfenster paradieren deine Akuben,
wie immer uns Liebenden zum Gruße!
Und schau auf die treue Amsel!
Sie zerpflückt die moosende Wiese.

Aber ein dauernder, wehmütiger Juniwind darüber,
vermisst die gesprungenen Träume,
das geborstene und berstende Leben,
während ich voller Sehnsucht nach dir suche.
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