Geschichten zum Thema Alltag

Lieber M.,

Beitragvon Neruda » Di 02 Dez, 2008 23:45


Sie vermisst dich.
Neulich habe ich einen Kaffee mit ihr getrunken. Schwarz. So trinkt sie ihn neuerdings. Keine Milch mehr, kein Zucker, nichts was an ein gutes Leben erinnern könnte. Kein Genuss. Sie schlürft auch nicht mehr, ich glaube, sie verbrennt sich jetzt lieber die Zunge. Überhaupt ist sie sehr still geworden, gesprochen hat sie auch kaum. Sie wäre schon okay, sagte sie, dass sie gerade viel arbeite und die Zeit eben so totschlagen würde. Eigentlich schlägt sie sich selber tot, habe ich gedacht und sie angelächelt. Stattdessen habe ich berichtet, von der Arbeit, von der Familie, vom Leben im Allgemeinen. Ich schätze sie war froh, über jedes Wort, das nicht sie sagte, sondern ich. Ich bin nicht mal sicher, ob sie zugehört hat, ihre Augen schienen mehr ins Leere gerichtet und im Grunde genommen habe ich auch nicht viel Interessantes zu berichten gehabt. Ich habe eben einfach nur geredet, damit sie merkt, dass ich da bin.
Später sind wir spazieren gegangen. Es war kalt, ihre Lippen waren ganz blaugefroren, aber wärmen lassen wollte sie sich nicht. Ich habe versucht, sie in den Arm zu nehmen, aber sie sah mich so erschrocken an, dass ich schnell wieder losließ. Es war, als hätte sie geschrien: „Ich könnte verschwinden wenn du mich berührst!“. Vielleicht hätte sie es auch geschrieen, wären wir nicht umgeben von Fremden gewesen, wäre ihre Stimme nicht so klein und erstickt. Danach war auch ich still, wusste nicht was ich hätte sagen können. Und als hätte sie dieses große, grausame Schweigen übermannt, fing sie an zu weinen. Wir gingen dann zurück zum Auto und ich fuhr sie nach Hause. Seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört. Sie hat wohl einfach nichts zu sagen und das ist in Ordnung.
Ich bin sicher, sie vermisst dich noch immer.

Liebe Grüße,
F.
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Re: Lieber M.,

Beitragvon Blackboxblood » Do 18 Dez, 2008 15:35


Hi Neruda,

leider bin ich nicht der Experte für Kurzgeschichten. Darum bleibt mir nichts als nach gefühl zu Werten.


[quot
e]Sie vermisst dich.
[/quote]
Irgendwie find ich den Einstig zu apruppt. Würd ich vieleicht weg lassen. Die sache mit dem Kaffe mag ich.
Du bringst das gefühl eins A rüber. Wirklich gut.
Aber:
Es war, als hätte sie geschrien: „Ich könnte verschwinden wenn du mich berührst!“.

Oh oh, das war wie voll auf der Tonleiter daneben gegriffen.
Diese Empfindung solltest du meiner Meinung nach ganz anders Formulieren.

Der rest ist ganz gut, auch das ende ist gelungen. Doch da eine noch eine Zutat, eine Raffinesse in dem Text.

Liebe Grüße
BBB
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Re: Lieber M.,

Beitragvon Neruda » Do 18 Dez, 2008 18:34


Hey bbb,

es macht nichts, dass du kein Experte bist. Das sind viele von uns nicht, trotzdem kann man gute Kommentare schreiben.

Der "abruppte" Einstieg ist gewollt, deshalb werde ich die Stelle auch auf keinen Fall weglassen.

Was genau sollte ich deiner Meinung nach an der Stelle anders formulieren, bzw. was meinst du mit "auf der Tonleiter daneben gegriffen"? Ich finde den Satz eigentlich sehr passend formuliert, deshalb würde ich mir eine Erklärung wünschen, was genau daran nicht passt.


Doch da eine noch eine Zutat, eine Raffinesse in dem Text.

Was meinst du mit dem Satz? Ich glaube, du hast da ein Wort vertauscht oder vergessen ?( .

Lg, Kim
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Re: Lieber M.,

Beitragvon Blackboxblood » Fr 19 Dez, 2008 17:33


Was genau sollte ich deiner Meinung nach an der Stelle anders formulieren, bzw. was meinst du mit "auf der Tonleiter daneben gegriffen"? Ich finde den Satz eigentlich sehr passend formuliert, deshalb würde ich mir eine Erklärung wünschen, was genau daran nicht passt.


Also: Es ist der Sound, der tut meinem Ohr einfach weh.
(Ich könnte verschwinden wenn du mich berührst!)

So einen Angstschrei denkt und sagt keiner, ausser vieleicht in einem Cartoon, so zumindest meine Subjektiefe empfindung, und dementsprechend Kindisch wirkt und deute ich auch die Deuteragonistin nach diesem Satz.

Ich weiss dir geht es um das Sinnbild.
Es is so gefühls sache. Meine meinung ist , dieses Bild ganz anders formulieren oder ein Anderen Ausspruch.

z. b. :Es war wie ein Angstschrei, als hätte sie davor Angst (gehabt) durch meine behrürung ( zu verschwinden).(verschwinden zu Können).

Eigentlich schlägt sie sich selber tot, habe ich gedacht und sie angelächelt. Stattdessen habe ich berichtet,


?Stattdessen?

Ansonsten wie gesagt gefällt mir der Text.

gruß
BBB
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Re: Lieber M.,

Beitragvon SabineK63 » Sa 23 Jan, 2010 20:57


Hallo Neruda,

der Text ist ja schon ein bisschen älter, aber vielleicht interessiert Dich trotzdem noch eine Meinung dazu.

Generell halte ich Briefe und Tagebücher durchaus auch für literarisch interessant. Vor kurzem habe ich die Tagebuchaufzeichnungen von Maxie Wander gelesen, die aus ihrem Nachlass zusammen gestellt wurden, und sie haben mich sehr beeindruckt. Was nicht heißt, dass jedes Tagebuch, jeder Brief für eine Veröffentlichung geeignet wäre. Der Brief, den Du hier eingestellt hast, allerdings schon. Er ist atmosphärisch sehr dicht und könnte ein Teil eines längeren Skripts sein/werden.

Sehr gut gefallen hat mir die Kaffee-Beschreibung. Da hast Du viel Gefühl gezeigt, ohne explizit darauf hinzuweisen. Bei dem Einstiegssatz schließe ich mich BBB an, der wirkt fehlplatziert, nimmt mir auch zu viel von der Schlussfolgerung vorweg.

Der erste Abschnitt ist für mich eindeutig der beste in dem Text, danach flacht er etwas ab.

Es war kalt, ihre Lippen waren ganz blaugefroren, aber wärmen lassen wollte sie sich nicht. Ich habe versucht, sie in den Arm zu nehmen,
In dem ersten Satz steht mir persönlich zu viel, zumal im folgenden Satz deutlich wird, dass sie sich nicht in den Arm nehmen lässt. Einfach: "Es war kalt, ihre Lippen blau gefroren." fände ich aussagekräftiger.
Vielleicht hätte sie es auch geschrieen, wären wir nicht umgeben von Fremden gewesen, wäre ihre Stimme nicht so klein und erstickt.
Den Satz mag ich auch nicht so besonders. Was mich stört, ist der letzte Satzteil, weil ihre Stimme jetzt gar nicht zu hören ist.
Danach war auch ich still, wusste nicht was ich hätte sagen können. Und als hätte sie dieses große, grausame Schweigen übermannt, fing sie an zu weinen. Wir gingen dann zurück zum Auto und ich fuhr sie nach Hause. Seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört. Sie hat wohl einfach nichts zu sagen und das ist in Ordnung.
Das finde ich im Vergleich zum Anfang eher schwach. Zu viel, wenn der Inhalt so bleibt, zu wenig, wenn die Stille Raum haben soll. Da fehlt die Atmosphäre, die zu Beginn des Briefes sofort entstanden ist.

Sorry fürs Ausbuddeln, aber vielleicht hast Du ja doch noch Lust, den alten Text aus der Schublade zu holen.

Lieben Gruß
Sabine
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