Pessimistische Lyrik

entblüßt

Beitragvon Neruda » Di 19 Mai, 2009 13:47


da berühren fremde finger meine brust
kein amen dieses abendrot
nur die stille gepresst zwischen leblose lippen

hättest du mir einmal nur gerbera
geschenkt oder gemalt
über die bleischweren blicke gelegt

der morgen hätte kein rot gerissen
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Re: entblüßt

Beitragvon Eckenbrüller » Di 19 Mai, 2009 15:35


Hallo Neruda,

das gefällt mir recht gut.

da berühren fremde finger meine brust
kein amen dieses abendrot
nur die stille gepresst zwischen leblose lippen


Die fremden Finger auf der Brust lassen sich für mich dreifach deuten: Zum einen könnten es die eigenen Finger sein, die sich fast wie Fremdkörper auf die schmerzende Wunde (Herz) legen und so für eine Art Selbstentfremdung aus Gründen des Selbstschutzes (Gefühlstaubheit, die in den Fingern beginnt) stehen, zum zweiten könnten die Finger nur symbolisch für Beklemmungsgefühle in der Brust oder aber drittens für die letzten Sonnenstrahlen des Abendrots stehen, die auf die Brust des lyrI scheinen und für die letzte Wärme auf bzw. in ihr sorgen.

Daher bleibt auch die Akklamation in Vers 2 aus; der Fortgang der Sonne und damit der Wärme – hier steht sie wohl symbolisch für den Verlust der Liebe – findet keine Zustimmung, kein Amen. Die zusammengepressten Lippen deuten ebenfalls auf einen Schmerz hin, wobei mir die „leblosen“ Lippen weniger gelungen scheinen, denn Leblosigkeit assoziiere ich mit Kraftlosigkeit. Zusammengepresste Lippen sind aber alles andere als kraftlos.

hättest du mir einmal nur gerbera
geschenkt oder gemalt
über die bleischweren blicke gelegt


Die zweite Strophe gefällt mir weniger, dieses Blümchenmotiv finde ich langweilig. Aber ich kann generell nicht viel mit Blumen anfangen. Das lyrI jedenfalls hätte sich eine Art Liebesbeweis, Aufmerksamkeit vom Du gewünscht, vielleicht sogar eine Verblendung, wenn in der letzten Zeile der Wunsch nach Einschränkung des Sichtfeldes geäußert wird. Das könnte Hinweis darauf geben, dass das lyrI bereits das Scheitern der Verbindung ahnte und sich gewünscht hätte, die blutige Wahrheit nicht in voller Stärke registriert zu haben, die nun bleischwer nach unten zieht.

der morgen hätte kein rot gerissen

Doch war dem nicht so. Dem lyrI wurde kein „Sprechen durch die Blume“ und eine damit verbundene Abmilderung zuteil. Es blieb nur ein blutiger Riss im Herzen.

Grüße,
Eckenbrüller
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Re: entblüßt

Beitragvon Neruda » Di 19 Mai, 2009 15:48


Hey Eckenbrüller,

vielen Dank für deinen Kommentar und deine durchaus interessante Interpretation. Ich würde fast sagen, du hast da mehr rausgeholt als ich reingesteckt habe. Schön zu hören, dass es auch noch Interpreattionsalternativen zu meiner eigenen gibt.

Zu den Lippen: Mag sein, dass du recht hast. Ich verbinde leblos eher mit gefühllos. Da werden keine Emotionen mehr in die kÜsse gesteckt und jeder Kuss ist eigentlich nur ein Versuch die Stille zu überbrücken. Man hat sich ncihts mehr zu sagen.

Lg, Kim
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Re: entblüßt

Beitragvon Eckenbrüller » Di 19 Mai, 2009 15:51


Einen Kuss sah ich gar nicht, für mich waren das nur 2 Lippen. Dann sind die fremden Finger auch die des lyrDu?
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Re: entblüßt

Beitragvon Neruda » Di 19 Mai, 2009 15:57


Ja, in meiner Interpretation schon. Aber da die natürlich jeweils dem Leser überlassen wird ist es nur eine mögliche.
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Re: entblüßt

Beitragvon Perry » Fr 22 Mai, 2009 16:29


Hallo Kim,
als erstes ist mir der Vatentinstag eingefallen. Das LD scheint mal wieder vergessen zu haben, seine Liebe durch Blumen zu beweisen. ;)
Die Bilder "fremde finger, stille gepresst zwischen leblose lippen etc." deuten aber darauf hin, dass hier die Beziehung längst gestorben ist.
Gut gefallen mir die eingeschobenen Alliterationen, weil sie die Bilder zusätzlich betonen. Vermeiden könnte man eventuell das zweimalige Rot.
Gern gelesen!
LG
Perry
PS: Kuss habe ich übrigens keinen gelesen, dafür einen Mord am Morgen.
Perry
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Re: entblüßt

Beitragvon Neruda » Fr 22 Mai, 2009 17:07


Hey Perry,

danke für deinen Kommentar.
Das mit dem rot ist mir auch schon aufgefallen, ich habe allerdings noch keine Idee wie ich das vermeiden kann. Das "abendrot" möchte ich nicht wegnehmen, weil es so schön zum "amen" passt und an der anderen Stelle habe ich keine Idee.

Das mit dem Mord am Morgen finde ich ziemlich interessant, ist mir selber nicht in den Sinn gekommen, passt aber auch wie die Faust aufs Auge.

Lg, Kim
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Re: entblüßt

Beitragvon Franz » Sa 06 Jun, 2009 12:23


Hey Neruda,

schönes Teil das du da geschrieben hast. Gefällt mir wirklich
und das so wie es dort steht! Die leblosen Lippen in der ersten Strophe lassen schöne Bilder zu und die Blumen in der zweiten kommen echt gut. Ich mag es
von Blümchen ect. zu lesen. Ein Klassiker der mich immer irgendwie an Benn erinnert, der nun wirklich viel mit Grünzeug am Hut hatte. :D
Fein finde ich den abgesetzten Vers. Normalerweise mag ich solcherlei ganz und gar nicht, denn ich habe bei solchem immer das Gefühl der Autor möchte noch schnell mittels eingepresstem Knaller seine Unfähigkeiten im Vorherigen verbessern. Das ist hier aber ganz und gar nicht, denn das hat der Text mit Sicherheit nicht nötig!
Das doppelte rot finde ich nicht sonderlich schlimm. Zwar ist der Text schon so kurz, das es auf jeden Fall ins Auge sticht, aber es liest sich dennoch recht angenehm und wirkt nicht störend.

Feines Teil :)

Alles Liebe, vom franz
[size=85:1uy1zthl]>> [/size]Jetzt kann man schreiben was man will

[size=85:1uy1zthl]Oskar Pastior *1927 †2006[/size]
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Re: entblüßt

Beitragvon Neruda » Sa 06 Jun, 2009 19:09


Hey Franz,

vielen Dank für deinen Kommentar. Schön, dass dir der Text so gut gefallen hat, auch das hört man bei Zeiten gern. :)

Lg, Kim
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