Alle Gedichte, die in keine andere Kategorie passen

cocktail

Beitragvon Friederich » Di 16 Feb, 2010 21:28


gläser brachen licht
ins bunt und tieftöne
befärbten träume
die man in die nacht geschoben

hatte: ein sonnstrahl
gewitter stiehlt sich in augen
lider und ein verspäteter
morgen dunstet noch.
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Re: cocktail

Beitragvon rivus » Do 18 Feb, 2010 02:15


hallo friederich,

dein cocktail mundet mir, katapultiert mich frei assoziierend zurück ins buntglas, räusp der trias von tieftonträumen - gläserliebesbrüchen - einaugengewitter. ach, wenn das eis-(licht) erst gebrochen war, kam das farbenspiel hinzu u. die trümpfe "befärbten" nicht nur träume, nein sie stahlen sie, holten sie zurück u. ermöglichten so das verschobene nachspiel. dieser zaubercocktail bringt sogar die alte stimmung nach dem morgenregen zurück. ein "verspäteter" liebesreigen könnte beginnen ....


gern etwas assoziiert

lg, rivus
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Re: cocktail

Beitragvon Antibegone » Do 18 Feb, 2010 15:10


Lieber Friederich :)

Dieses Gedicht fasziniert mich.
Das Tolle ist, dass mir dazu gleich viele (persönliche) Assoziationen einfallen. Erinnert mich auch an ein Kunstbild, dass ich mal malen musste: Whiskeygläser durch einen Glastisch von unten, lach.

Inhaltlich habe ich hier mehrere Ideen, aber ich habe auch das Gefühl, dass ich hier aufgrund meiner persönlichen Gedanken dazu schnell auf Abwege geraten könnte, die so in dem Gedicht nicht stecken und ihm nicht gerecht würden. Deswegen taste ich mich mal über die Form heran.

Das Gedicht wird eingerahmt von „licht“. „gläser brachen Licht“ (ich lese es hier als Substantiv) und unten „verspäteter morgen dunstet licht/ Licht“ (hier bin ich mir nicht sicher). Was mir dazu natürlich sofort einfällt, ist eine „Ringkomposition“, aber ich weiß nicht, wie „rein“ sie hier vorliegt, außerdem mochte meine Griechisch Lehrerin Ringkompositionen und seitdem sehe ich sie öfter als gut wäre, lach. Darüber zu entscheiden, erfordert, glaube ich, eine inhaltliche Betrachtung. Dazu später.
Formal fällt mir noch auf: „hatte: ein sonnstrahl“ Das „hatte“ unterbricht den Fluss, ist wie ein „Stolperstein“. Ich glaube, hier lassen sich gute inhaltliche Rückschlüsse ziehen. Auffällig auch die Zeitform, könnte auf eine Art brutale Weise in die Vergangenheit verweisen. Dann arbeitest du mit Kontrasten „sonnstrahl“ - „gewitter“, „morgen“ - „nacht“, zwischen den Zeilen lesen ich auch ein „Traum“ - „aufwachen“ Kontrast, aber den müsste ich erst nachweisen. Klar, da ist noch das „&“, aber das ist mir zu abgenutzt, um noch wirklich eine Bedeutung zu tragen, mal sehen, ob ich später noch eine entdecke.

Ich versuche erst mal mich dem „Träumen“ und „Aufwachen“ zu widmen und darüber den Inhalt zu erschließen. In der ersten Strophe heißt es: „befärbten träume die/ man in die nacht geschoben“ Aufgeschobene Träume hat etwas von „unterdrückten Sehnsüchten“, finde ich. Die Gläser brechen das Licht „ins bunt“, führt mich zu der Aussage: „das Licht wird bunt, es bekommt neue Farbe“, gleichzeitig werden „tieftöne befärbte träume“ gebrochen, „tieftöne“ erinnert mich dabei an eine dunkle Melodie und an „Melancholie“. Gebrochene Träume und Licht werden bunt (du bist besser in Physik, aber ich glaube bei Lichtbrechung erhält man doch dieses Regenbogengedöns). Interessant noch: In der ersten Strophe „brachen“, als Präteritum. Das implizierte Ich blickt zurück auf die Nacht, in der er alte Sehnsüchte träumte, die neu erweckt wurden, bunt schillerten und das obwohl die Träume schon von „tieftönen befärbt“ waren, vielleicht verblasst und halb vergessen waren.
Zum zweiten Teil, in dem ich das „Aufwachen“ lese. „hatte“ ist etwas merkwürdig. Perfekt. Ich hoffe ich kann später was daraus machen. Erst einmal „ein sonnstrahl“, also morgens, führt bei dem Ich zu einem „gewitter, das sich in augenlider stiehlt“. Hört sich ein bisschen nach dem morgendlichen Kater an. Aber auch: Man sieht alles wieder in klarem Sonnenlicht (nicht im bunten, gebrochenen). Ist es das, was in den Augen weh tut?
So, jetzt fällt mir was zum „hatte“ ein, es leitet von der ersten Strophe zur zweiten über, nämlich durch das „geschoben hatte“. Gleichzeitig ist es wie ein jähes Erwachen, das „hatte“ hängt noch in der Luft, alle die bunten, gebrochenen Farben, aber man kann sie nicht mehr sehen, da ist nur das schmerzende Sonnenlicht. Ja, der „verspätete Morgen“ deutet wieder auf eine Rauschnacht hin, nach der man lange ausschlafen will, aber auch: „das späte Erwachen“, vielleicht hat das Ich die Nacht hingezogen, hat „zu lange geschlafen“. Nun mehr „dunstet der morgen licht“, ich glaube, hier würde sich anbieten tatsächlich „licht“ zu lesen, im Sinne von „hell, klar“. Damit würdest du auf das „bunte Licht“ von oben rekurieren, aber es in ein anderes „Licht“ stellen (ha, Scherz). Ich finde das eigentlich relativ geschickt, die Formelemente zu benutzen, um den inhaltlichen Kontrast darzustellen, dass am Morgen alles irgendwie anders aussieht.
Hm: Ringkomposition würde ich Nein sagen. Dazu fehlt der Bogen, inhaltlich. Ist eher ein Kontrastgedicht mit Rahmen.

Mein Fazit: Formal sehr sauber gearbeitet, sprachlich assoziativ und dicht. Inhaltlich: Ja, es hat etwas Trauriges, Sehnsüchtiges. Die Verbindung Cocktail - bunt - Licht ist etwas offensichtlich, auch der Kontrast Träumen und Aufwachen relativ einfach, vor allen in Verbindung Tag und Nacht. Mir fällt noch auf: Hast du nicht schon andere Gedichte über Nacht und Tag geschrieben?...
Klar, neue Verbindungen/ Bilder fliegen niemandem zu, ich wünschte auch ich könnte mal was Innovatives schreiben - wenn so leicht wäre. Aber ich denk immer: Man kann es ja wenigstens versuchen.
Oder habe ich etwas überlesen? Du kannst mich ja auch einfach aufklären :)


Herzliche Grüße,
Traumi
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Re: cocktail

Beitragvon Anna Lyse » Do 18 Feb, 2010 16:11


hallo friederich :)

muss auch sagen dass ich das nicht so schmackhaft finde. hat ja mo.- schon angemerkt, die sache mit dem lichtmetapher (welches ich auch so gerne verwende, mich jedoch immer wieder zusammennehmen muss 8) ) ist ziemlich aufgebraucht und vor allem finde ich es zumindest in der zweiten strophe total unnütz. denn du könntest genauso gut schreiben : "verspäteter morgen dunstet". licht finde ich hier nicht mehr notwendig, denn das ist wieder zu direkt, zumindest für mich.

die erste strophe ist so la la. ein wenig wirkt es als ob du erst in der zweiten strophe so richtig fahrt aufgenommen hättest. ausserdem finde ich dieses "man" komisch. hätte jetzt eher ein "mann" erwartet dann wäre es in meinen augen stimmiger. die zeilenumbrüche wiederum finde ich nicht so verkehrt.
die zweite strophe ist besser als die erste aber der beigeschmack der ersten strophe bleibt noch und reisst es deswegen auch nicht mehr raus. leider.
davon mal abgesehen find ich den titel...nicht gut. beim erstenmal lesen hab ich an was schweinisches gedacht und dann merkte ich aber dass es so einfach gemeint war (einfach heisst nicht schlecht) nur hier ist es schon fast platt.

liebe grüße,
isa
.
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Re: cocktail

Beitragvon Friederich » Do 18 Feb, 2010 17:37


Hallo an alle,

mit einer solchen Rückmeldung auf dieses Gedicht hatte ich nun wirklich nicht gerechnet, freue mich deshalb aber nicht weniger darüber :) (Nicht damit gerechnet deshalb, weil das Gedicht nicht eben zu den Texten zählt, die den größten "künstlerischen" Aufwand beansprucht haben, aber genau das kommt ja bei euren Kommentaren zu recht heraus).

@Rivus:

Ich habe mich sehr über deine assoziative Herangehensweise gefreut. Ich denke, du kannst dem Text nicht zuletzt deshalb einiges abgewinnen, weil du dich ihm so genähert hast, wie er geschrieben wurde. Dass alte Stimmungslagen in diesem Text liegen, ehrt mich ein bisschen!

@Traumi:

Danke für den konstruktiven, lobend-kritischen Kommentar (was einem so für Attribute einfallen …). Neben deinen kritischen Anmerkungen (siehe unten mehr dazu) freue ich mich sehr über dein intensives Lesen. Das „hatte“ ist tatsächlich als Überleitung gemeint zwischen zwei Zeitebenen. Und im Folgenden näherst du dich der von mir gewollten Aussage sehr gut an, zumal ich dieses Gedicht nicht besonders „erst“ genommen habe und viel mehr von mir auch gar nicht intendiert ist. So stimme ich auch vollkommen deinen kritischen Meinungen zu:
Mit der Aufzählung von oft verwendeten Termini wie „Nacht“, „Morgen“, „Traum“ und deinem abschließenden Einwand, vieles thematisch schon einmal gelesen zu haben, hast du natürlich sehr recht. Tja, vielleicht kommt man manchmal an Punkte, wo man sich weiterbewegen muss, um nicht auf der Stelle zu treten! Wobei ich sagen muss, dass dieses Gedicht sehr assoziativ und spontan entstanden ist und ich es nur wegen ein paar in meinen Augen doch halbwegs gelungener Stellen hochgeladen habe. Auf jeden Fall: danke fürs Lesen!

@Mo:

Ich danke dir fürs ehrliche Kritisieren. Zeilenumbrüche sind mir allgemein ein sehr wichtiges Formmerkmal, daher sprichst du hier etwas Bedeutsames an. Ein hektischer Eindruck war zwar gewollt, aber vor allem dein erstes Zitat ist ein guter Punkt für in diesem Text schlecht gelungene Umbrüche. Werde es gleich umarbeiten! Das „hatte“ dagegen ist bewusst gesetzt, um den Zeitwechsel und den abrupten Bruch zu unterstützen. Vielleicht wirkt es ja besser, wenn es allein im Text steht als harter Bruch. Und zu dem Licht: Recht hast du. Einmal Licht hätte es getan, wenn überhaupt.

@Isa:

Manchmal ist es schade, dass die weniger gelungenen bzw. wichtigen Texte mehr Kommentare abbekommen, andererseits braucht man ja auch kritische Rückmeldung. Danke also für den Kommentar :)
Ja ich weiß, die Lichtmetapher ist verlockend, schließlich hat auch die direkte Bedeutung etwas Symbolhaftes. Hier fiel es mir wohl zu schwer, zu widerstehen :D
Mit dem Schluss hast du recht, denke ich, wobei mir das klanglich so gefällt... Vielleicht muss ich es aber letztlich trotzdem ändern, denn zu direkt, vielleicht sogar offensichtlich, ist es tatsächlich. Nur das mit dem „man“ sehe ich anders: die Generalisierung ist hier gewollt, denn es geht nicht nur um das lyrische Ich. „Mann“ hätte zu sehr auf ein Individuum verwiesen oder ein Geschlecht, was dann ein unpassendes Wortspiel gewesen wäre in diesem Text.
Beim Titel stimme ich dir aber wieder voll zu; klar, es kann auch mal einfach sein, aber bei einem assoziativ entstandenen Text ohne viel bewusst hineingelegte Bedeutung kann der Titel schon etwas mehr Aussagekraft besitzen.

Liebe Grüße,

Friederich
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Re: cocktail

Beitragvon Wolfgang » Sa 20 Feb, 2010 17:40


Hallo Friederich,

Dein Gedicht lässt bei mir das Bild eines Männerabends entstehen. Männer, die in einer gemütlichen Runde sitzen und Cocktails trinken. Das Licht bricht sich in den Gläsern, es vielleicht gegen Abend und Mann träumt von Frauen, vielleicht werden zotige Witze gerissen oder es fällt eine dumme Bemerkung, jedenfalls, scheint das beim weiblichen Geschlecht nicht gut anzukommen. Das stelle ich mir jedenfalls unter den Augen vor, die das Gewitter spiegeln. Da der Morgen sich erst spät einstellt, hat man wohl nicht (miteinander) - geschlafen, sondern weiter getrunken. Und im Morgendunst macht sich langsam Katerstimmung breit.

Zur Textgestaltung:

Du verwendest eine Anapher und Stabreime. Sowie eine Synästhesie. Die etwas gescholtene erste Strophe finde ich so schlecht nicht, denn sie besteht aus einem Parallelismus der Antihese. Gläser und Träume kann man als Antithese begreifen und da Gläser brachen und Träume befärbt waren, wird so auch eine Parallele gezogen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Friederich zufällig gemacht hat. Insofern finde ich diese Strophe besser als erwartet!

Die zweite Strophe bietet auch wieder Stabreime und zwei Antithesen: Sonnentrahl und Gewitter und Lider und dunstiger Morgen. Beide Antithesen laufen ebenfalls parallel.

Das Gedicht mag kein Meisterwerk sein, aber mich überzeugt es.

Gerne gelesen.

Viele Grüße

Wolfgang
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Re: cocktail

Beitragvon Friederich » Sa 20 Feb, 2010 21:23


Hallo Wolfgang,

danke für deinen interessanten Kommentar. Ich finde deine Lesart deswegen interessant, weil ich sie den Zeitsprung zwischen Strophe eins und zwei nicht so groß beachtet. Dadurch entsteht deine Lesart mit dem Gewitter, die ich als Alternative interessant ist.

Mich freut, wie du dich der Form genähert hast; du hast recht, ist es nicht zufällig so entstanden, deine Interpretation der zweiten Strophe aber hat auch meine eigene Sicht auf den Text um einen Aspekt bereichert.

Viele Grüße,

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