Bahnhofsnarr
Und weiß Gott, ich hatte es, dieses Grundgefühl, diese Schärfe in der Wahrnehmung, die es erst ermöglicht, zu unterscheiden zwischen Verspätungen, die sich aus den nicht immer vorhersehbaren Widrigkeiten des Bahnalltages speisen und den kleinen Fehlern, die sich einschleichen, wenn zwar hochbegabte und ihr Handwerk perfekt betreibende Spezialisten den Alltag simulieren, sie dabei aber ihre eigene Perfektion zum Maßstab nehmen und so die Wirklichkeit als gedachten Idealfall gestalten.
Wahrscheinlich war ich zu diesem Zeitpunkt schon müde. Zu müde, um weiter zu kämpfen.
Deshalb auch wurde das von mir Wahrgenommene gefiltert und zurechtgestutzt. Wider besseres Wissen. Selbst die Angst war nur noch ein stumpfer Stachel. Sonst hätte ich doch gehandelt. Der Intercity 21,34 Uhr vom Gleis 17 war pünktlich. Auf die Minute genau. Als sich dies wiederholte, jeweils am Montag, Donnerstag und Freitag, wurde ich stutzig. In der gleichen Woche auf Bahnsteig 21; der Frühpendler, Abfahrt 4,56 Uhr, führte nur noch drei Waggons mit sich, und trotzdem hatten alle Fahrgäste einen Sitzplatz. Man muss wissen, der Frühpendler war mit seinen gewohnheitsmäßig fünf Waggons regelmäßig überfüllt. Von Montag bis Freitag das gleiche Bild. Nun plötzlich verschob sich alles. Kleine Veränderungen im System. Meine Koordinaten stimmten nicht mehr.
Das alles begann im Spätherbst, ich lebte bereits drei Monate auf diesem Bahnhof. Meinen eigenen Prinzipien zufolge wäre es längst Zeit gewesen, dieses Versteck zu verlassen.
Doch ich hatte mich gut eingerichtet, fühlte mich relativ sicher. Drei Schließfächer nannte ich mein eigen. Zeitsärge, die mein Überleben garantierten. Das bedeutete aber, täglich für das passende Kleingeld zu sorgen und den exakten Ablauf der Verschlusszeiten im Kopf zu behalten. Denn nur so konnte ich verschiedene Identitäten annehmen. Werkzeugkasten und Blaumann mein persönlicher Favorit, jedoch nur zeitlich begrenzt möglich, da verschiedene Bahnangestellte immer wieder versuchten, mich zu einem Schwätzchen zu bewegen. Unnahbarer dagegen der Dreiteiler mit Schlips und edlem Aktenkoffer. Dies wiederum war am Wochenende zu auffällig. Und im dritten Schließfach die zerlumpte und verschmutzte Bettleruniform, nicht geliebt aber unabdingbar zum Gelderwerb auf dem Bahnhofsvorplatz.
Dann kamen sie. Ich hatte es erwartet. Der konkrete Augenblick war dennoch eiskaltes Erschrecken. Sie kamen zu acht. Aus jeder Richtung paarweise, so wie es die Vorschriften besagen. Ich wusste vom Initialschlag. In der Regel wird dem Ergriffenen sofort ein gezielter Schlag oder eine Verletzung zugefügt. Das gehört zum Ausbildungsprogramm. Diese speziellen Fähigkeiten werden regelmäßig in Trainingszentren geübt und aufgefrischt.
In dem Augenblick als sie mich von hinten griffen und meine Arme am Körper entlang in Richtung meines Kopfes auskugelten, verlor ich auch meine Würde. Mein Schließmuskel gab nach. Ich spürte grenzenlosen Schmerz und nahm kaum noch wahr, wie ich am Kopf gehalten wurde und ein Metallstab mein Trommelfell zerstach. Ein Ohr würde ausreichen für einen Hundesohn wie mich, bellte eine Stimme hinter meinem Rücken.
Fast ohnmächtig wurde ich den Bahnsteig entlang geschliffen in Richtung der Treppen zur Haupthalle. Eine undeutliche Lautsprecherdurchsage pfiff in mein rechtes Ohr und wie auf Befehl leerten sich die Bahnsteige. Nur die Koffer und Taschen der gerade noch auf den Bahnsteigen Stehenden blieben.
Erst in der Haupthalle wurde mir bewusst, was geschehen war.
Ein Gabelstapler transportierte einen großen Block von Schließfächern. Die Läden in der großen Halle waren nicht beleuchtet und von den Auslagen war nichts mehr zu sehen.
Auf dem Bahnhofsvorplatz standen mehrere Tieflader in Wartestellung, während ein erster Kran schon zu voller Höhe ausgefahren war. Einige Arbeiter lösten die Verankerungen auf dem Dach und dirigierten mit Handzeichen den Kran auf die richtige Position.
Zeitungskiosk und Würstchenstand von der Westseite des Bahnhofes lagen schon zerlegt zum Abtransport bereit.
am 2. März 2010 um 19:47 Uhr.
[...] Die Sieger des Wettbewerbes Kopflast stehen fest, es haben gewonnen:1) Bahnhofsnarr, von Christoph Meissner-Spannaus (OlafmitdemTraktor, LiFo) 2) Wir Konzentrierten, von Lena Knaudt ( [...]