Wir Konzentrierten

Esodu sitzt auf dem Boden, um sie herum ein Haufen Flaschen und halbvolle Gläser. Sie lässt Eiswürfel von einer Hand in die andere gleiten.

Esodu

Ah… Monsieur… Aidez moi.

Sie legt sich das Eis in den Nacken und lässt es ihren Rücken herunterrutschen.

Esodu

Und wenn ich dich jetzt anrufe…?

verstellt die Stimme

Wie, du weißt nicht, was du machen sollst? Mach was an deiner Hausarbeit, ich denk, da muss noch was passieren?

spricht wieder normal

Ich schaffs nicht. Ich habs schon versucht. Willst du kommen und mit mir trinken?

verstellte Stimme

Also, ich weiß nicht, was mit dir los ist. Geh duschen und setz dich an deine Hausarbeit. Hast du schon die Leute angerufen, von denen ich dir die Nummern besorgt hab?

normale Stimme

Ich schaffs nicht.

halbherzig verstellte Stimme

Ah, wie oft hatten wir das jetzt schon? Was heißt das, du kannst nicht, was ist so schwer daran, eine Nummer zu tippen und einfach loszureden, du weißt doch, was du fragen willst, du weißt doch, welche Informationen du brauchst, bla. blabla. bla.

Lässt den Kopf hängen und atmet mit einem leisen, hohen Ton lange aus.

Stimme

Esodu?

Esodu unterbricht ihren Ton nicht.

Stimme

Esodu?

Esodu

Wer spricht zu dem, der nicht lebt?

Stimme

Esodu?

Esodu

Ja?

Stimme

Esodu?

Esodu

Wer spricht zu einem, der nichts sagen kann?

Stille.

Esodu

Wer hält den, der nicht zu greifen ist? Wen fasst man nicht? Wie kann man..?

Sie bricht ab. Legt den Kopf in den Nacken und nimmt ihren Ton wieder auf. Sie nimmt ein Glas, steht auf, nimmt einen Schluck und schleudert das Glas genussvoll auf den Boden. Als es zerschellt, kichert sie unkontrolliert. Atée kommt.

Atée

Alles klar, du?

Esodu wird ernst.

Esodu

Ich hab getrunken.

Atée

Ja, das seh ich.

Esodu

Willst du auch?

Atée

Nee, lass mal. Denkst du dran, die Kalkulation noch fertigzumachen?

Esodu

Nein.

Atée

Witzig. Ich kann sonst nicht weiterarbeiten. Morgen früh brauch ich die Unterlagen.

Er schaut auf die Uhr.

Atée

In 5 Stunden. Viel Spaß.

Ab.

Esodu

äfft Atée nach

5 Stunden. Viel Spaß.

Sie nimmt eines der Gläser, leert es langsam und ohne abzusetzen. Sie summt leise, schließt

die Augen und webt.

Esodu

singt

Meine Oma fährt im Hühnerstall Motooorrad, Motooorrad, Motoooooooo…

Sie hält den Ton, bis ihr die Luft ausgeht.

Esodu

singt leise

Meine Oma fährt im Hühnerstall Motooorrad, Motooorrad, Motoooooooooooooooorrad.

Sie nimmt ein anderes Glas und setzt es an die Lippen, ohne zu trinken. Verharrt. Setzt es ab. Sie tastet ihre Taschen ab und zieht aus einer einen Spiegel hervor.

Esodu

zu ihrem Spiegelbild

Na, mein Herz? Was fürchtest du? Die Flucht? Oder das Bleiben?

Leert ein neues Glas.

Esodu

schreit

Papier!

Atée kommt entnervt und wirft Esodu einen Block in den Schoß.

Atée

Hör auf zu saufen!

Nimmt ihr das Glas ab und leert es im Weggehen. Ab. Esodu nimmt den Block.

Esodu

ruft Atée nach

Stift!

Ein Stift wird ihr zugeworfen. Er fällt auf den Boden. Sie hebt ihn auf.

Esodu

schreibt

Liebste Aurie. Letzten Schlaf träumte ich von dir. Du hattest mich verlassen – der Teil kam mir bekannt vor – und ich weinte nach dir – der auch. Ich liebte dich mit allem, was ich hatte. Nun, das war nicht viel. Wenn auch viel wert. Ich blamierte dich (es war viel Wahres an dem Traum) und du liefst mir fort, als ich die Konsequenzen trug. Im Feuerschein verlor ich dich an jemanden. Zwar steckte ein Messer in meinem Bauch, doch ich betrank mich nichtsdestotrotz und tat, was ich nicht wollte.

Sie zerreißt den Brief ansatzlos.

Esodu

schreibt

Liebste Aurie. Gerade zerriss ich einen peinlich egozentrischen Brief an dich. Mir fällt nichts Gutes ein. Ich wollte dir von einem Traum erzählen… zur Abwechslung mal was Schönes. Ich verlor dich – der Teil kam mir bekannt vor, nicht? – doch du sehntest dich nach mir (insgeheim). Ich wünschte, es wäre wieder ein Theater im Ort, eine Oper vielleicht, das wäre schön.

Sie stockt. Sie zerreißt den Brief.

Esodu

schreibt

Geliebte Aurie.

Zögert.

Atée

ruft aus dem Off

Esodu?

Esodu: Ja?

Atée

aus dem Off

Kaffee?

Esodu

Nein. Danke.

Atée schaut herein.

Atée

Geht’s? Kann ich dir helfen?

Esodu

Nein, nein. Es geht.

Atée

Wie weit bist denn?

Esodu

Vertraust du mir nicht?

Atée

lacht

Ist ja gut.

Ab.

Esodu

murmelt

Ich könnts ja verstehn, so ist es nicht.

schreibt weiter

In einem Traum war ich in einem Haus, das war ein riesiges Zimmer über zwei Etagen, und im zweiten Stock war es mittig geteilt (mit einer löchrigen Blechwand). Ich weiß nicht, ob ich dort wohnte, doch jemand suchte mich da. Ich wusste, es war nicht gut, und öffnete die Tür nicht, sie hatte ohnehin kein Schloss. Doch jemand war noch da, und ihn konnte ich nicht halten. Als die Panik mich riss, suchte ich Zuflucht in einem Schrank im zweiten Stock, gerade, als der törichte Öffner fiel. Die Suchende wandte sich ans Fenster und rief nach mir. In mir wuchs ein Grauen, allein von meinem Namen in ihrer Stimme. Plötzlich bemerkte ich, dass unter meinen Füßen nur Glas war, der Schrank war aus Glas und auch der Boden darunter. Ich brach durch, und landete zerschnitten in Scherben. Als die Suchende sich lächelnd umwandte, erinnerte ihr Gesicht mich an wen und ich wurde mir jäh gewahr, dass wir uns in einer enormen Eishöhle befanden, in einem ausgehöhlten, weichgeformten Ei aus Eis, das unmöglich unmittig auf einem hohen Eiskegel ausbalanciert war. Ich wagte keine Bewegung mehr.

Es war einer dieser Träume… Du weißt.

Ich flog über ein Feld, ich schaffte es nicht weiter als einen Meter über den Boden und hatte Furcht, etwas würde mich aus dem Gras anspringen und sich in meinen Füßen verbeißen.

(Ich war barfuß und hatte besondere Sorge um meine nackten Sohlen.)

Dann kam eine Klippe und ich stürzte nicht – wie erwartet – ab, sondern war plötzlich frei in der Luft. Bloß zog eine seltsame Kraft mich sanft in eine bestimmte Richtung, ich hielt auf eine Ansammlung grüner Hügel zu. Als ich sie erreichte, klafften unter mir eisige Abgründe auf, die mich an sich rissen, ich konnte nicht ankämpfen dagegen und glitt auf einen hohen Eiskegel zu – er kam mir bekannt vor, eine unregelmäßige Eiskugel lag auf der Spitze. Ein fester Sog (ich musste an eine Schlange denken, die sich pulsierend um meine Hand legt) zog mich durch eine Öffnung hinein und ich landete in einer Wolke Glassplitter zu Füßen der Suchenden, die lächelte.

Ich meine, dich in ihren Zügen zu erkennen, doch vielleicht ist das Projektion.

Aurie, ich liebe es, dir pathetische Briefe zu schreiben. Ich liebe dich, komm zurück, blabla, wie sag ichs nur in schön? Fuck it off, my dear, I love you, come back.

You realize all 25 Mes of this letter begging for you?

Esodu starrt auf das Papier, nimmt eines der Gläser und leert den Inhalt über den Brief und ihren Schoß. Sie legt alles beiseite und sich auf den Rücken wie aufgebahrt.

Esodu

singt

Meine Oma fährt im Hühnerstall Motooooorrad, Motoooorrad, Motooooooorrad, meine Oma fährt im Hühnerstall Motooooooorrad, sonst kaaaann siiiiie nichts.

Atée

ruft

Esodu? Hilf mir mal grad, bitte!

Ein Kommentar zu “Wir Konzentrierten”

  1. Literatur-Wettbewerb.info » Blog Archive » Gewinner

    [...] es haben gewonnen: 1) Bahnhofsnarr, von Christoph Meissner-Spannaus (OlafmitdemTraktor, LiFo) 2) Wir Konzentrierten, von Lena Knaudt ( m.o.bryé, KV) 3) Ohne Last. Ohne Kopf. Egal., von ecco, [...]

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