Schließlich Melancholie

admin am 30. Dezember 2009 um 10:26

Noch schwipst das Hirngedärm in Dämmerwallung
Und kleistern sich Synapsen Strang an Strang,
Doch keucht und wimmert durch Gedicht und Ballung
- wie dornumkränzt – des Menschen Abgesang.
Mir schillert mein Gestirn auf den Asphalt,
Der quallenartig Tag und Nacht umkrallt:

Da keift Jerusalem Siddhartas Veden.
Mandragora und Nieswurz treiben’s wild.
Atomic bombs, verschanzt im Garten Eden
Und Gott, der aus den Orthodoxen qillt.
Mir graut: sie keimt und schwärt, die alte Fose,
Und gluckst ihr »Amen«: Sei, Apotheose!

Da schlingt die Arktis Thule – welch Spektakel -
Seht auf und weint, eh ihr euch neu verpaart!
A brave new world – ein keuchendes Globakel.
Im Poltau krächzt der Amurleopard.
Gehirn und Arsch voll Atrophie und Mohn
Gafft Adam schwarze Löcher ins Ozon.

Da rötet sich nun Shangri-La im Osten,
Die Menschheitsdämmerung – paranoid?
Die Welt ist eine Hure – »Was soll’s kosten?«
Tortur in Öl, womöglich Genozid?
Europa lümmelt, träge vor Demenz,
Sich in den greisen Schoß der Dekadenz.

Der Zeitgeist: Pubertät und Parataxen
Und die Synpasen reißen Strang um Strang.
Der gute Hirte wacht ob bösen Achsen -
Geburt und Sopor. Was war von Belang?
Und kopflastig im Flor der Empathie
Verfall ich schließlich dir, Melancholie.

Kopflast

admin am 26. November 2009 um 16:24

Wieder auf Neuanfang,
auf Null,
restart,
so wie es sein sollte,
das Leben lässt mich wieder teilhaben,
aber auch ein neuer Tag, und doch keine Antwort,
ein Lebenszeichen und ich weiß nicht viel mehr,
doch auf einmal spüre ich die Sonne auf meiner Haut,
wie sie mich umschmeichelt und mich wärmt,
sie trifft mich tief im Herzen.

Aber ich renne weg,
verstecke mich,
und fühle ich jeden Tag verfolgt,
alle wollen wissen was passiert,
was passiert ist,
doch was passiert schon?
Noch nie da gewesenes bleibt unbeachtet,
Luftschlösser platzen und fallen auf mich ein,
meine Haut verschrammt und blutig,
geritzt mit dem Messer,
nur in Gedanken,
und doch kalt und nass in allen Fasern,
mit nackten Beinen im tiefen Wasser stehend,
warme Luft durchzieht meine Haare,
streift mein Gesicht.

Öffne mir die Augen,
oder lass mich zufrieden,
einfach los und in der Ecke stehen lassen,
ich kann aber nicht nach vorne schauen,
wenn du mein Blick immer wieder nach hinten ziehst,
und er will vielleicht nicht und weiß es schon,
doch für mich gibt es nur Ungewissheit
wie gern würd` ich es ihm sagen,
er ist es,
doch die Träume lassen mich aufschrecken,
aber ich kann nicht zurück gehen,
weil ich Fehler gemacht habe,
und ich kann nicht nach vorne schauen,
weil ich Fehler machen werde,
aber sie lassen mich vergessen was war.

An manchen Tagen denke ich positiv,
an den meisten jedoch negativ,
doch es zieht sich hin,
und das macht mich krank,
aber passieren muss was,
das weiß er,
und das weiß ich,
doch was macht er mit mir?
Gedankenverloren lässt er mich zurück,
und wie darf ich seine Worte verstehen,
als mehr oder doch weniger?
Er verrät es nur nicht,
weil er sich schon längst entschieden hat,
und trotzdem versucht man etwas aufzubauen,
bei zaghafter Zurückhaltung.

Nun, ich irrte mich also und das tat weh,
mir kommen die Tränen, wenn ich das schreibe,
aber so soll es wahrscheinlich sein,
ich habe Angst,
doch Festhalten wird heute kleingeschrieben,
lieber gleich zum nächsten übergehen,
aus Angst eine Beziehung eingehen zu müssen,
die ihn vielleicht bindet,
auch nur minimal,
minimaler Freiheitsentzug sei tödlich.

Er ist für mich so wichtig geworden,
wichtiger als ich mir selber eingestehen kann,
doch vielleicht verschließe ich mich einfach zu sehr,
oder erwarte zu viel,
doch nun ist er hier,
und da,
überall, wo ich nicht bin.

Plötzlich sehe ich in der Wirklichkeit nichts mehr,
fühle mich eingesperrt,
ich kann nichts machen,
und ihn auch nicht zwingen,
irgendwann wird es mir klar sein,
doch wird er zu mir stehen, wenn ich ihn darum bitte?
Will keine ruhige Minute mehr darüber nachdenken,
und doch verfalle ich dem Gedanken,
mir auszumalen wie es wäre, wenn es anders wär`,
ich habe ihn zurück gedrängt,
ihn nicht für voll genommen, war nett,
doch geschrieen wird später.

Es macht alles kein Sinn mehr,
bin ich ganz alleine?
Ich kann mir nichts mehr vorstellen,
kann nicht zur Ruhe kommen,
also bitte steh` mir bei,
ich kann das alleine nicht schaffen,
ich brauche dich,
als Freund,
nicht mehr.

Und doch Tränen vergießend,
trotzdem ganz süß,
Musik hörend im Raum herum tanzend,
ganz schlau tuend und
trotzdem verdonnert die Klappe zu halten,
eigentlich immer verliebt,
nur das Beste denkend,
und trotzdem oft enttäuscht werden,
so sind Menschen eben,
liebend und verletzend.

Und wie sie nun alle dasitzen und glotzen,
als käme ich nicht von dieser Welt,
aber ich lasse sie nicht an mich heran,
benommen stell` ich mir vor, ich würde weglaufen,
barfuss durch die verregnete Nacht,
kalt und nass zerrt die Haut,
ich strecke die Arme aus und lasse das Treiben an mir vorbei ziehen,
ich halte einen Moment die Luft an,
und halte mich aus allem raus,
jedoch im Regen nach hause laufend,
egal,
subjektiv,
und dann die Fassung verlieren,
Absturz,
tiefer Fall,
und die Zeit,
die heilt keine Wunden,
denn ich bin verletzend und zeige es nicht,
und dieser Monat nun lässt mich sterben.

Und doch war sie so schön,
ist toll anzuschauen,
hat keine Makel,
plötzlich wollte sie mich nicht,
sie hat mich gezwungen zu gehen,
hat mich fertig gemacht,
sie brachte mich zum weinen,
ich war am Ende,
und nun steht sie leer,
sucht sich ihr nächstes Opfer,
sie kann es nicht wissen, aber sie ist anziehend,
führt jeden in die Irre,
mich nicht mehr,
ich bin ihr entkommen,
grad noch mal so,
und nun bin ich zurück und bleibe hier,
lass mich auf nichts mehr ein,
und vergesse sie,
ich hab sie vergessen und,
begraben,

Liebe.

[ohne Titel] Ich liege da auf kupferroten Matten

admin am 26. November 2009 um 16:22

Ich liege da auf kupferroten Matten
Um mich rum die kalte Luft der Nacht
Ich sehe nichts als Nebel und als Schatten
Die ganze Last der Welt auf meinem Geist.

Die Nebel tun alles
Mich zu erdrücken
Mich zu ersticken
Ich schreie und keiner hört mich
Ich weine und keiner versteht mich
Der Schmerz ist wie ein Dolch in meinem Herzen.

Dann plötzlich
Durch die Schatten
Scheint er, der schönste Stern von allen
Und nun ist meine Seele voller Ruhe
Auf meinen Lippen liegt ein Lächeln
Und ich sehe meinen Weg funkeln in der Dunkelheit.
Und gehe weiter voller Hoffnung
In neuer, süßer Stille der erlösten Nacht.

Bahnhofsnarr

admin am 22. November 2009 um 23:58

Und weiß Gott, ich hatte es, dieses Grundgefühl, diese Schärfe in der Wahrnehmung, die es erst ermöglicht, zu unterscheiden zwischen Verspätungen, die sich aus den nicht immer vorhersehbaren Widrigkeiten des Bahnalltages speisen und den kleinen Fehlern, die sich einschleichen, wenn zwar hochbegabte und ihr Handwerk perfekt betreibende Spezialisten den Alltag simulieren, sie dabei aber ihre eigene Perfektion zum Maßstab nehmen und so die Wirklichkeit als gedachten Idealfall gestalten.

Wahrscheinlich war ich zu diesem Zeitpunkt schon müde. Zu müde, um weiter zu kämpfen.
Deshalb auch wurde das von mir Wahrgenommene gefiltert und zurechtgestutzt. Wider besseres Wissen. Selbst die Angst war nur noch ein stumpfer Stachel. Sonst hätte ich doch gehandelt. Der Intercity 21,34 Uhr vom Gleis 17 war pünktlich. Auf die Minute genau. Als sich dies wiederholte, jeweils am Montag, Donnerstag und Freitag, wurde ich stutzig. In der gleichen Woche auf Bahnsteig 21; der Frühpendler, Abfahrt 4,56 Uhr, führte nur noch drei Waggons mit sich, und trotzdem hatten alle Fahrgäste einen Sitzplatz. Man muss wissen, der Frühpendler war mit seinen gewohnheitsmäßig fünf Waggons regelmäßig überfüllt. Von Montag bis Freitag das gleiche Bild. Nun plötzlich verschob sich alles. Kleine Veränderungen im System. Meine Koordinaten stimmten nicht mehr.

Das alles begann im Spätherbst, ich lebte bereits drei Monate auf diesem Bahnhof. Meinen eigenen Prinzipien zufolge wäre es längst Zeit gewesen, dieses Versteck zu verlassen.
Doch ich hatte mich gut eingerichtet, fühlte mich relativ sicher. Drei Schließfächer nannte ich mein eigen. Zeitsärge, die mein Überleben garantierten. Das bedeutete aber, täglich für das passende Kleingeld zu sorgen und den exakten Ablauf der Verschlusszeiten im Kopf zu behalten. Denn nur so konnte ich verschiedene Identitäten annehmen. Werkzeugkasten und Blaumann mein persönlicher Favorit, jedoch nur zeitlich begrenzt möglich, da verschiedene Bahnangestellte immer wieder versuchten, mich zu einem Schwätzchen zu bewegen. Unnahbarer dagegen der Dreiteiler mit Schlips und edlem Aktenkoffer. Dies wiederum war am Wochenende zu auffällig. Und im dritten Schließfach die zerlumpte und verschmutzte Bettleruniform, nicht geliebt aber unabdingbar zum Gelderwerb auf dem Bahnhofsvorplatz.

Dann kamen sie. Ich hatte es erwartet. Der konkrete Augenblick war dennoch eiskaltes Erschrecken. Sie kamen zu acht. Aus jeder Richtung paarweise, so wie es die Vorschriften besagen. Ich wusste vom Initialschlag. In der Regel wird dem Ergriffenen sofort ein gezielter Schlag oder eine Verletzung zugefügt. Das gehört zum Ausbildungsprogramm. Diese speziellen Fähigkeiten werden regelmäßig in Trainingszentren geübt und aufgefrischt.
In dem Augenblick als sie mich von hinten griffen und meine Arme am Körper entlang in Richtung meines Kopfes auskugelten, verlor ich auch meine Würde. Mein Schließmuskel gab nach. Ich spürte grenzenlosen Schmerz und nahm kaum noch wahr, wie ich am Kopf gehalten  wurde und ein Metallstab mein Trommelfell zerstach. Ein Ohr würde ausreichen für einen Hundesohn wie mich, bellte eine Stimme hinter meinem Rücken.
Fast ohnmächtig wurde ich den Bahnsteig entlang geschliffen in Richtung der Treppen zur Haupthalle. Eine undeutliche Lautsprecherdurchsage pfiff in mein rechtes Ohr und wie auf Befehl leerten sich die Bahnsteige. Nur die Koffer und Taschen der gerade noch auf den Bahnsteigen Stehenden blieben.
Erst in der Haupthalle wurde mir bewusst, was geschehen war.
Ein Gabelstapler transportierte einen großen Block von Schließfächern. Die Läden in der großen Halle waren nicht beleuchtet und von den Auslagen war nichts mehr zu sehen.
Auf dem Bahnhofsvorplatz standen mehrere Tieflader in Wartestellung, während ein  erster  Kran schon zu voller Höhe ausgefahren war. Einige Arbeiter lösten die Verankerungen auf dem Dach und dirigierten mit Handzeichen den Kran auf die richtige Position.
Zeitungskiosk und Würstchenstand von der Westseite des Bahnhofes lagen schon zerlegt zum Abtransport bereit.

[ohne Titel] Diese Gedanken, die mir flüstern …

admin am 22. November 2009 um 23:54

Diese Gedanken,die mir flüstern…
nichts hält für ewig
vertrau dich gar nicht erst an
sei vorsichtig
sag kein Wort zu viel.

Sie sagen mir,
dass mich jeder verletzt
und als logischer Schluss verlässt

Sie sind so extrem,
dass mir die Worte entfallen
mein Kopf explodiert

bis mir irgendwann die Luft wegbleibt!

Unlautere Gedanken

admin am 22. November 2009 um 23:50

Gefasst sitzt du mit deinem gestärkten Kragen und der weichen Kaschmirjacke in der Cafeteria. Zur Besucherzeit versammeln sich immer alle hier, vor allem wenn es draussen regnet und auch wenn es nie genug Kuchen für alle gibt. Du nimmst kurz Notiz von den bröckelnden Wänden, deren Risse mit Wandfarbe ausgemalt wurden, und von den kurzgeschorenen, fleckig gefärbten, ausgewachsenen Haaren deiner Tischnachbarin.

Trotz deiner wissenschaftlichen Aufzeichnungen zu den verschiedensten Krankheiten fällt es dir nicht leicht den krassen Kontrast im Raum zu ignorieren. Wir und Sie, denkst du dir. Dreckige Kleidung, abgemagerte Hände, vergilbte Fingernägel und Häkelmützen. Tabletten liegen offen herum. Verbände werden hochgehoben und zwischen Kaffee und Kuchen wird diskutiert. Nicht über die klischeehaften Rasierklingen oder Stricknadeln, sondern über Nagelscheren, Feilen, Nähnadeln in Labellostiften. Das Kuchenmesser auf dem Tisch scheint plötzlich einen rötlichen Schimmer aufzuweisen. Es riecht nach Metall.

Du dünstest etwas aus, das bei all deinem Zuvorkommen den Patienten gegenüber im Raum hängen bleibt und in der Luft erstarrt. Ratlos streifst du dir übers Kinn und trinkst deinen Kaffee aus. Er ist kalt geworden.

Eine weißgekleidete Person betritt den Raum und kommt auf dich zu. Zum ersten Mal heute blickt dir jemand direkt in die Augen. Kurz wirst du gefragt ob du der Angehörige von P. bist. Er bittet dich ihn zu begleiten. Draussen geht es durch den Regen, einen großen Park mit Goldfischen und Ziegen, hinein in einen nach Desinfektionsmitteln stinkenden Flur. Am Boden kniet eine weitere weißgekleidete Person, die hartnäckig an einigen dunklen Flecken herumwischt.

Am ausgefallenen Aufzug vorbei steigst du mit deiner Begleitung den Fluchtweg hinauf. „Je höher man kommt, desto besser“, erklärt der Pfleger, „die Stationen auf den unteren Etagen beherbergen die ernsteren Fälle. Wenn es denn einmal einen Notfall gibt, dann meistens dort.“ Nach sechs Treppen bist du am Ziel deines Besuchs angelangt. „Kommen sie einfach gleich mit mir mit.“ Ein offenes Lächeln. So jung, so selbstbeherrscht. In der Hoffnung genauso zu wirken folgst du ihm durch eine mehrfach gesicherte Schleuse.

Gerade eben schiebt sich ein junger Mann in einem hellbraunen Jacket an euch vorbei aus der Tür heraus. Ein fahriges Lächeln zuckt um seinen Mund als er zu dir hinaufsieht. Du kennst ihn, ihr wart in der gleichen Schulklasse. Seine Augen weiten sich kurz, er keucht auf und dein Blick fällt plötzlich hinab auf deine Schuhe. Hier will man niemanden kennen, schießt es dir durch den Kopf, hier darf man niemanden kennen. Du beschließt ihn so lange zu ignorieren bis er die Treppen heruntergehastet ist.

Schweigend folgst du dem Weißkittel in eines der Zimmer. Vorbei an Plastikschmuck, der jedes Jahr wiederverwendet werden kann, moderner bunter Kunst des Expressionismus und dem Plan für die Therapiesitzungen. Hotel nennen die von der untersten Etage diese Station, weil die Betten keine Krankenhausbetten sind, sondern massiv aus Holz gefertigt wurden. Die Fenster sind genauso wie im gesamten Gebäude gesichert, sodass man beim lüften nur eine Hand quer hindurchstecken kann. An dem Bett sind Fesseln zum fixieren angebracht.

Man gibt euch ein paar Minuten. Erklärungen warum man sich nicht wie immer in der Cafeteria treffen konnte sind nicht nötig, denn als du P. wieder siehst erklärt es sich von alleine durch die Veränderungen. Heute ist vieles anders.

Du entdeckst an ihr einen alten Trainingsanzug, heruntergekommen sieht sie aus, wie alles andere hier auch. Lange Ärmel hat sie früher nie getragen, die haben sie beim arbeiten immer gestört. Lieber Dreiviertel-Ärmel oder gleich ganz kurz. Du entdeckst einen weißen Zipfel, der am linken Handgelenk aufblitzt – ein Verband der sich bereits auflöst. Auch sie trägt wie die Leute aus der Cafeteria eine Häkelmütze. Aus deinen Aufzeichnungen weißt du, dass man schnell friert, wenn man diese gezielten und hochdosierten Medikamente erhält. Als du hereinkommst kniet sie gerade auf ihrem Bett und langsam schabt sich ihr Kopf an den roten Fensterrahmen entlang. Rost bröckelt auf die Matratze. Von draussen aus dem Park sind Schreie zu hören. Ein leises Wummern der Fensterscheiben durch die tieffliegenden Verkehrsmaschinen lässt P. genussvoll die Augen schließen.

Gestern noch hatte sie dich am Telefon eingeladen um mit ihr über nächste Woche zu reden. Über das Leben danach. Jetzt spricht sie kein Wort und schaut dich nicht einmal an.

es musste wohl so kommen

Du auf Abwegen, weil Kopflast fehlt
mit Vapor entgeistert am ersten Tag
fremd.gemacht.worden
Beliebigkeit strömt aus dir
kein sinnvolles Wort
unser Monolog wie ein Stummfilm

Zuständigkeitsbereich, Sachlage, Bleiberecht
Grauzonen des Systems
auf die Folter gespannt
abgewiesen
Obdach finden im Regen.
Lunge und Herz pressen weiterhin
Leben in diese Tage

Wohlstandsschwere, nur am Rande
lebenserhaltende Maßnahmen,
ihren Wert bestimmt die Rechnung danach.
Ausgenüchtert vom Anblick
der zuckenden Leiber.
Jugendträume wie Farbtropfen
auf den Lippen
ein Seufzen.

es durfte nicht so kommen

Draussen im Park rinnt dir das Regenwasser in den verschwitzten Kragen. Die Cafeteria ist voll mit denjenigen, denen niemand zu nahe kommen will. Nicht einmal du.

Ein äußerst unangebrachter Gedanke durchströmt dich. Sie sind wie einer dieser kopflastigen Panzer, die aufgrund einer ungeeigneten Chassis- und Kettenkonstruktion selbst das Überwinden kleiner Hindernisse nicht schaffen können. Du fühlst dich schuldig, irgendwie wegen irgendetwas. Aber was du wirklich fühlst kannst du nicht mit Worten erfassen weil du noch nie so etwas gefühlt hast. Und jetzt traust du dich nicht sie zu benennen, denn dadurch würdest du diesen Gefühlen auch noch Macht über dich geben.

Dein makelloses Äußeres kommt dir vor wie eine Fassade für einen verwundeten Geist. Als wärest du angeschossen worden, schwankst du innerlich und von aussen sieht man nur deine Hand mit deinen Notizen ein wenig zittern. Du kommst dir unendlich alt und gebeugt vor. Ablenkung, denkst du dir, ich muss auf andere Gedanken kommen. Aber es ist wie ein Teufelskreis, denn wenn man ungewohnten Gedanken erst einmal einen Platz zugewiesen hat wird man sie nicht mehr los.

Du hast dich vorbereitet auf diese erschreckend wirkliche Welt, so gut es eben ging, und bist gescheitert. Du läufst immer schneller, bis du endlich die Zufahrt siehst und bist froh, als dein Rücken den weichen Ledersitz deines Autos berührt. Deine Hände liebkosen das Lenkrad. Du drehst deine Musikanlage voll auf und lässt deinen Geist einfach vom Bass und den lauten, willkürlichen Klängen ausmisten.

Als du daheim bist geht es weiter mit dem geistig auslastenden Programm. Im Postkasten geben sich verschiedene Behörden die Ehre. Akten, die du von der Arbeit am Freitag mitgenommen hast, stapeln sich auf dem Küchentisch. So scheint es, dass unsere gedankenschweren Berufe uns noch zu retten vermögen – denn sie vertreiben die herannahenden Gefühle erfolgreich für kurze Zeit. Damit der Kopf wieder ein bisschen schwerer wird, aber das Herz frei von allen Gefühlen bleibt.

Obwohl die Regeln dort klar und einfach sind begreifen wir auch im Nachhinein nichts von dem Erlebten, weil wir es von uns abschütteln wollen, so schnell wir können. Unsere schöne Scheinwelt lullt uns dann wieder ein, indem wir wieder nichts hören, nichts sehen, nichts fühlen.

Denn so eine Erinnerung ist wie ein Ohrwurm, der sich leise in die Hirnwindungen schleicht und sich dort am Trommelfell verwurzelt. Und irgendwann kann man sie nicht mehr überhören; denn sie sind in dir drin und warten nur auf einen ruhigen Moment, in dem du dich zurücklehnst und dir Gedanken machst über das, was du erlebt hast. Und über die Frage ob das alles wirklich so kommen dürfte.

Rindenflechten

admin am 22. November 2009 um 23:42

Im Anfang ist der Puls.
Geboren wird er
driftumspült.
Er saugt den Schlaf
und spuckt Verlangen,
regiert die Flüsse,
kreisend im Geschöpfe.
Hydra vitae.

Gezeiten keimen.
Eine Spinne trägt der Wind
im Netze. Sonnenblitzend
und enzephalierend,
webt sie seitlich hin die Kreise,
bohrt dem wallenden Geschöpfe
in nackte hohle Rinde.
Sie verstäubt das Elixier.
Im Netze bebt
die Beute.

Jagd.
Geruch, ein Leib,
ein Wesen? Wittern,
wachsam folgen, treiben
bis zum Grunde,
schimmernd. Ein Relikt.
Wer ist da?
fragt’s und gleich
vergesse und hingebe mich.

alles ist wirklich

Geruch. Ein Leib.
Eins, zwei, drei (Schritt
zurück) mal noch im Kreise
drehen, stolpern -
es gewittert, blitzt und
blitzt, doch nichts folgt.
Es bleibt Geruch
in Haaren, Händen.

Es fällt kein Wort.
Das Blut nur zirkuliert.
Es bebt das Netz.
Es dreht die Erde.
Ein Schädel gräbt noch
einen Brunnen.
Stößt nicht auf Wasser.

der abgrund füllt sich mit der zeit

die drift löst sich am brunnenrand

wir wachsen auf dem kalten stein

ein, zwei, drei… letzte chance vorbei.

admin am 22. November 2009 um 23:34

und wenn ich doch endlich schweigen wuerde, als waere es noetig verstanden zu sein, sterbe illusion.
sterbe langsam und verfaule in der dunklen erde meiner darstellung. die kirchen brennen wieder, es ist zeit zeichen zu setzen, zu versetzen.
zeit zu sehen was drunter liegt, die wurzeln haben sich tief in die erde gegraben, versteckt vor der zeit die genommen.
vortax, verblichen mit tinte. und die melancholie holt den ton ein und singt ihm ein lied.
sinnfrei verzieht sich die welt, die pupillen mehr als geweitet. innere explosion verbrennt das gesehene und die kirchen brennen zur asche,
asche wirbelt durch die luft und sie lacht, lacht herzzereissend und unbewegt.

nimm meine hand koenigskinde, lass uns gemeinsam den fluss ueberqueren, ich bin die bruecke, war es schon immer, du der fluss und die krone scheint im abendstern von unberuehrt verlagen.

eine chance gaben sie dir. war es gnade oder verdient? wir können nur raten. du hast es vertan, hast dich vertan, wiedereinmal. schade, es hätte so ein schönes geschenk für alle sein können. du hast es vermasselt- hahaha. sie zeigen mit dem finger auf dich bis du dir die ohren zupustet, die augen zukrallst und schreist und nicht mehr aufhörst bis sie alle tot umfallen.

und immer noch beobachten wir dich von hier und schweigen ohne wertung. wir zeigen nur chancen wir interessieren uns nie.

[ohne Titel] Immerzu. Der Kreis.

admin am 18. November 2009 um 23:32

Immerzu. Der Kreis. Radius unmessbar. Dreht er sich. In sich selbst. Manchmal Rechteck, manchmal Quadrat. Und doch nicht erklärbar. Weil verstrickt. Festgefahren. An einem Punkt.

Dir gefällt meine Art zu schreiben nicht. Jedesmal dieses abgehackte. Keine Schachtelsätze.(Deren ich befähigt bin, nur fehlerhaft). Erkläung vorhanden. Aber klares Weltbild. Also nicht verstanden. Gewillt, auszudrücken und zu berühren. Außerdem gewillt, es dir heimzuzahlen, da du, unwissender und doch Schubladen nicht füllender Individualist, daher kommst. Siehst du. Nein, siehst du nicht. Du bist nicht mehr hier. Wie alles einmal geht. Außer der Kreis, der kann nicht aus sich raus. Meine Gedanken ebenso wenig. Schade. Doch einen Kopfsalat vor sich.

Wir Konzentrierten

admin am 11. November 2009 um 18:21

Esodu sitzt auf dem Boden, um sie herum ein Haufen Flaschen und halbvolle Gläser. Sie lässt Eiswürfel von einer Hand in die andere gleiten.

Esodu

Ah… Monsieur… Aidez moi.

Sie legt sich das Eis in den Nacken und lässt es ihren Rücken herunterrutschen.

Esodu

Und wenn ich dich jetzt anrufe…?

verstellt die Stimme

Wie, du weißt nicht, was du machen sollst? Mach was an deiner Hausarbeit, ich denk, da muss noch was passieren?

spricht wieder normal

Ich schaffs nicht. Ich habs schon versucht. Willst du kommen und mit mir trinken?

verstellte Stimme

Also, ich weiß nicht, was mit dir los ist. Geh duschen und setz dich an deine Hausarbeit. Hast du schon die Leute angerufen, von denen ich dir die Nummern besorgt hab?

normale Stimme

Ich schaffs nicht.

halbherzig verstellte Stimme

Ah, wie oft hatten wir das jetzt schon? Was heißt das, du kannst nicht, was ist so schwer daran, eine Nummer zu tippen und einfach loszureden, du weißt doch, was du fragen willst, du weißt doch, welche Informationen du brauchst, bla. blabla. bla.

Lässt den Kopf hängen und atmet mit einem leisen, hohen Ton lange aus.

Stimme

Esodu?

Esodu unterbricht ihren Ton nicht.

Stimme

Esodu?

Esodu

Wer spricht zu dem, der nicht lebt?

Stimme

Esodu?

Esodu

Ja?

Stimme

Esodu?

Esodu

Wer spricht zu einem, der nichts sagen kann?

Stille.

Esodu

Wer hält den, der nicht zu greifen ist? Wen fasst man nicht? Wie kann man..?

Sie bricht ab. Legt den Kopf in den Nacken und nimmt ihren Ton wieder auf. Sie nimmt ein Glas, steht auf, nimmt einen Schluck und schleudert das Glas genussvoll auf den Boden. Als es zerschellt, kichert sie unkontrolliert. Atée kommt.

Atée

Alles klar, du?

Esodu wird ernst.

Esodu

Ich hab getrunken.

Atée

Ja, das seh ich.

Esodu

Willst du auch?

Atée

Nee, lass mal. Denkst du dran, die Kalkulation noch fertigzumachen?

Esodu

Nein.

Atée

Witzig. Ich kann sonst nicht weiterarbeiten. Morgen früh brauch ich die Unterlagen.

Er schaut auf die Uhr.

Atée

In 5 Stunden. Viel Spaß.

Ab.

Esodu

äfft Atée nach

5 Stunden. Viel Spaß.

Sie nimmt eines der Gläser, leert es langsam und ohne abzusetzen. Sie summt leise, schließt

die Augen und webt.

Esodu

singt

Meine Oma fährt im Hühnerstall Motooorrad, Motooorrad, Motoooooooo…

Sie hält den Ton, bis ihr die Luft ausgeht.

Esodu

singt leise

Meine Oma fährt im Hühnerstall Motooorrad, Motooorrad, Motoooooooooooooooorrad.

Sie nimmt ein anderes Glas und setzt es an die Lippen, ohne zu trinken. Verharrt. Setzt es ab. Sie tastet ihre Taschen ab und zieht aus einer einen Spiegel hervor.

Esodu

zu ihrem Spiegelbild

Na, mein Herz? Was fürchtest du? Die Flucht? Oder das Bleiben?

Leert ein neues Glas.

Esodu

schreit

Papier!

Atée kommt entnervt und wirft Esodu einen Block in den Schoß.

Atée

Hör auf zu saufen!

Nimmt ihr das Glas ab und leert es im Weggehen. Ab. Esodu nimmt den Block.

Esodu

ruft Atée nach

Stift!

Ein Stift wird ihr zugeworfen. Er fällt auf den Boden. Sie hebt ihn auf.

Esodu

schreibt

Liebste Aurie. Letzten Schlaf träumte ich von dir. Du hattest mich verlassen – der Teil kam mir bekannt vor – und ich weinte nach dir – der auch. Ich liebte dich mit allem, was ich hatte. Nun, das war nicht viel. Wenn auch viel wert. Ich blamierte dich (es war viel Wahres an dem Traum) und du liefst mir fort, als ich die Konsequenzen trug. Im Feuerschein verlor ich dich an jemanden. Zwar steckte ein Messer in meinem Bauch, doch ich betrank mich nichtsdestotrotz und tat, was ich nicht wollte.

Sie zerreißt den Brief ansatzlos.

Esodu

schreibt

Liebste Aurie. Gerade zerriss ich einen peinlich egozentrischen Brief an dich. Mir fällt nichts Gutes ein. Ich wollte dir von einem Traum erzählen… zur Abwechslung mal was Schönes. Ich verlor dich – der Teil kam mir bekannt vor, nicht? – doch du sehntest dich nach mir (insgeheim). Ich wünschte, es wäre wieder ein Theater im Ort, eine Oper vielleicht, das wäre schön.

Sie stockt. Sie zerreißt den Brief.

Esodu

schreibt

Geliebte Aurie.

Zögert.

Atée

ruft aus dem Off

Esodu?

Esodu: Ja?

Atée

aus dem Off

Kaffee?

Esodu

Nein. Danke.

Atée schaut herein.

Atée

Geht’s? Kann ich dir helfen?

Esodu

Nein, nein. Es geht.

Atée

Wie weit bist denn?

Esodu

Vertraust du mir nicht?

Atée

lacht

Ist ja gut.

Ab.

Esodu

murmelt

Ich könnts ja verstehn, so ist es nicht.

schreibt weiter

In einem Traum war ich in einem Haus, das war ein riesiges Zimmer über zwei Etagen, und im zweiten Stock war es mittig geteilt (mit einer löchrigen Blechwand). Ich weiß nicht, ob ich dort wohnte, doch jemand suchte mich da. Ich wusste, es war nicht gut, und öffnete die Tür nicht, sie hatte ohnehin kein Schloss. Doch jemand war noch da, und ihn konnte ich nicht halten. Als die Panik mich riss, suchte ich Zuflucht in einem Schrank im zweiten Stock, gerade, als der törichte Öffner fiel. Die Suchende wandte sich ans Fenster und rief nach mir. In mir wuchs ein Grauen, allein von meinem Namen in ihrer Stimme. Plötzlich bemerkte ich, dass unter meinen Füßen nur Glas war, der Schrank war aus Glas und auch der Boden darunter. Ich brach durch, und landete zerschnitten in Scherben. Als die Suchende sich lächelnd umwandte, erinnerte ihr Gesicht mich an wen und ich wurde mir jäh gewahr, dass wir uns in einer enormen Eishöhle befanden, in einem ausgehöhlten, weichgeformten Ei aus Eis, das unmöglich unmittig auf einem hohen Eiskegel ausbalanciert war. Ich wagte keine Bewegung mehr.

Es war einer dieser Träume… Du weißt.

Ich flog über ein Feld, ich schaffte es nicht weiter als einen Meter über den Boden und hatte Furcht, etwas würde mich aus dem Gras anspringen und sich in meinen Füßen verbeißen.

(Ich war barfuß und hatte besondere Sorge um meine nackten Sohlen.)

Dann kam eine Klippe und ich stürzte nicht – wie erwartet – ab, sondern war plötzlich frei in der Luft. Bloß zog eine seltsame Kraft mich sanft in eine bestimmte Richtung, ich hielt auf eine Ansammlung grüner Hügel zu. Als ich sie erreichte, klafften unter mir eisige Abgründe auf, die mich an sich rissen, ich konnte nicht ankämpfen dagegen und glitt auf einen hohen Eiskegel zu – er kam mir bekannt vor, eine unregelmäßige Eiskugel lag auf der Spitze. Ein fester Sog (ich musste an eine Schlange denken, die sich pulsierend um meine Hand legt) zog mich durch eine Öffnung hinein und ich landete in einer Wolke Glassplitter zu Füßen der Suchenden, die lächelte.

Ich meine, dich in ihren Zügen zu erkennen, doch vielleicht ist das Projektion.

Aurie, ich liebe es, dir pathetische Briefe zu schreiben. Ich liebe dich, komm zurück, blabla, wie sag ichs nur in schön? Fuck it off, my dear, I love you, come back.

You realize all 25 Mes of this letter begging for you?

Esodu starrt auf das Papier, nimmt eines der Gläser und leert den Inhalt über den Brief und ihren Schoß. Sie legt alles beiseite und sich auf den Rücken wie aufgebahrt.

Esodu

singt

Meine Oma fährt im Hühnerstall Motooooorrad, Motoooorrad, Motooooooorrad, meine Oma fährt im Hühnerstall Motooooooorrad, sonst kaaaann siiiiie nichts.

Atée

ruft

Esodu? Hilf mir mal grad, bitte!