Sie hatten das letzte Haus im Dorf. Die holprige Straße wird immer länger, zwischen den Höfen hindurch, sachte splitternde Brettverschläge zur Linken wie zur Rechten. Keine Gabelung. Hinter dem Haus freies Feld bis zu den nächsten Höfen, aber das ist weit; einer der Fußmärsche, die, mit dem Ziel ständig im Blickfeld, doch nie zu Ende zu gehen scheinen. Mischwälder als Talbgerenzung, in deren Schatten die Weideflächen für mehr als genug. Einer der Orte, die die Bewohner im Scherz selbst als Ende der Welt bezeichnen, ist das, aber sie wollen diesen Scherz von niemand hören, der nicht von hier ist.
Vom letzten Haus im Dorf ist der Rest fast komplett zu überblicken. Es gibt zwar ein paar wenige Seitenstraßen, das schon, doch sind die so verkümmert, verödet, dass sie in der Wahrnehmung der Dorfbewohner keine Rolle mehr spielen. Der Dorfbewohner an sich ist nicht seltsam oder verschroben, gar gefährlich. Viel eher würde er sich heimlich schon gerne in der Rolle des Städters gefallen, neigt bisweilen sogar dazu zu duckmäusern. Dennoch schweißt sich eine Gemeinschaft aus dem Gefühl für eine besondere Art von Authentizität, die der Landbevölkerung zu Eigen sei. Es ist schwer einzudringen, sich zum Bestandteil zu machen, doch zieht ohnehin so gut wie nie jemand hinzu. Im Gegenteil – die Jugend flieht, wer bleibt sind die Alten, die die schon immer hier und nie woanders waren. Das Leben verlangsamt sich.
Sie haben ein weites Fenster zur Straße hin bei der 42. Das ist das letzte Haus in der Straße, eines der größeren, ebenso dunkel aus Holz, wie die anderen, ein Stall daneben. Überm Asphalthof hängt ein Basketballkorb ohne Netz. Die Atmosphäre ist typisch; durchdrungen vom Muff, den man nicht loswird, Staub knapp über der Asphaltoberfläche, Fußabdrücke und es stinkt nach Schwein, das kommt von den Nachbarn rüber. Auf die Straße haben die großen Maschinen ihre charakteristischen Spuren gemalt, braun auf grau, man trägt den Dreck mit ins Haus an den schweren Stiefeln.
Vielleicht ist es doch ein Fluch wirklich das ganze Dorf sehen zu können vom Fenster aus. Aber er kommt da nun mal nirgends. Wieso sollte sie sich Sorgen machen, wieso sollte sie hier noch stehen und schauen ohne wahrzunehmen, blindes Glotzen gegen die Scheibe, die Formen sind nur Spiegelungen. Das eigene Blinzeln gespiegelt beobachten. Verharren, sich in den Körper fühlen, die Körperschwere auskosten. Sie weiß nicht, wieso es ihr heute etwas ausmacht. Ein Traktor röhrt ignorant vorbei, die kalte Jahreszeit kündet sich schon an.
Früher muss das im Winter schlimmer gewesen sein. Sein Großvater hat das Haus gebaut, es knarrt und kracht natürlich in allen Stockwerken, doch abgedichtet ist es mittlerweile überall. Der Kamin liefert eine trockene Wärme, die sich auf die Netzhaut legt, die Augen brennen lässt. Dafür friert niemand. Noch ist es dazu natürlich zu früh, aber lange wird es nicht mehr dauern. Hier oben gibt es noch regelmäßig Schnee. Die Bäche hinterm letzten Haus, die sich verloren durchs Tal ziehen, frieren recht schnell zu; als Kind ist sie öfter als einmal eingebrochen.
Es wird Abend, oder vielleicht ist das auch schon der Abend. Die stillste Stunde des Tages jetzt, im Haus rührt sich nichts. Selbst Max und Susanne sind wohl schon müde genug, um nicht mehr laut sein zu können. In aller Ruhe kann sie am Fenster stehen. Warten. Warten, bist die Nacht ihr das Licht nimmt, um noch mehr erkennen zu können, als die kühl gezogenen Geraden der Häuserwände am Straßenrand. Einzelne, flackernde Lichter, das Echo eines Hundesgebells. Auf dem Fensterglas hinterlässt die Hand einen fettigen Abdruck, ohne Unterlage zittert sie, wie von haardünnen Fäden gezogen. Ihre schönen, bleichen Lippen fast geschlossen, flach zieht der Atem durch den Spalt, ein vorsichtiges Beben in der Brust.
Und schon nicht mehr wissen, was er noch sagte, bevor er ging, ob da vielleicht doch … Wenn er jetzt die Straße herunterkäme, würde sie die Konturen des kantigen, aber schmalen Körpers erkennen, trotz Dunkelheit. Das stumpfe Glotzen lässt Sekundenzeiger einfrieren, im Hirn ziehen Selbstgespräche ihre Bahnen durch die Windungen, durch die Zellen, immer die Selben. Aber wo soll er schon? So spät ist es ja auch noch nicht und selbst wenn, was könnte schon, was hätte sie denn zu befürchten.
Hektisch genickt, weil Max auf einmal ein Glas Wasser möchte. Taucht immer aus dem Nichts auf der Kleine und man muss sich manchmal zurückhalten, um nicht laut loszuschreien, nicht gegen ihn, sondern vor Schreck. Sein Gesicht war immer irgendwie ausdruckslos und auf der Straße blieb niemand vorm Kinderwagen stehen, um wenigsten ein ist er nicht niedlich hineinfallen zu lassen. Die Augen sind groß und blinzeln nicht und wenn Mama nicht spricht, tut er es genauso wenig. Das macht die Stille im Haus nicht besser, diese unerträgliche Stille, diese gottverdammte, aber Mama wird wohl wahnsinnig, das spürt sie schon und hat Angst vor dem, was da vielleicht rauskäme, würde sie den Mund jetzt öffnen. Gehste wieder hoch, ja flüstert sie so still, dass sie es selbst kaum hört, aber Max ist schon wieder weg und sagt Susanne bestimmt, dass Mama wieder komisch sei heute Abend, so seltsam.
Dabei ist das wahrscheinlich nichts, als dieses Dorfleben, dieses gottverdammte, und die Stille den ganzen Tag über und nur nichts und Wald um sie, wenn sie ein paar Schritte aus dem Dorf geht. Der Wald droht immer von hinten her, der ist nicht schön oder romantisch, sondern streng und düster und immer da, einfach immer; vor dem Wald kann sie nicht fliehen, genauso wenig wie sie vor Max fliehen kann oder Susanne, wenn sie sie wieder so ansehen, das hält man nicht aus, das hält niemand aus. Das hält niemand aus, nicht allein und wie soll sie das alles schaffen, wenn er jetzt nicht wiederkommt, wenn er jetzt nicht endlich wieder auftaucht, da hinten wo ihn das Licht vom Gasthaus her träfe und sie würde hinauslaufen , so wie sie ist und ihm um den Hals fallen, so lang musste sie darauf warten, ihm um den Hals zu fallen, so lang.
Und der Mond ist jetzt auch schon hoch oben und hell genug. Hat die Kinder jemand ins Bett gebracht? Sie weiß es nicht mehr, erinnert sich nicht mehr, wann sie die letzten Schritte durchs Holz hat knarren hören. Selbst wenn sie nicht vergeht, die Zeit, vergeht sie irgendwie. Sie sollte nach oben gehen, das weiß sie, noch mal nachschauen, vielleicht jemand gründlicher zudecken, aber dann wird sie am Ende noch wahnsinnig und das weiß sie schließlich auch, sie will sich nichts vorwerfen lassen, endlich nichts mehr vorwerfen lassen.
Wenn er nur endlich wiederkäme, zu ihr, dann würde es da auch besser klappen vielleicht. Wenn er wieder da wäre und spürbar wäre und riechbar, fest, ein echter menschlicher Körper, ein großer, erwachsener Körper, neben ihrem. Dann würde das besser funktionieren. Dann würde sie Max vielleicht endlich nicht mehr so ansehen am Abend und Susanne würde sich nicht mehr hinter ihrem Bruder verstecken vor der Mutter und man käm dann auch besser durch den Winter. Wie soll sie nur durch den Winter kommen. Der fängt vielleicht morgen schon an und morgen früh wacht sie wieder auf, im Sessel vorm Fenster und es ist Winter und die Kinder frieren alle beide.
Aber morgen kommt er dann bestimmt. Diesmal spürt sie’s mit dem Aufwachen. Nur Max wird sie nichts davon sagen und Susanne auch nicht. Sie hofft, vielleicht haben sie ihn schon vergessen.
(4.10.09)