Sinnesklang

admin am 11. November 2009 um 18:18

Farbloser Morgentau.
Glattes nass, Immergrau’
flüchtges flehen,
todesträchtig transpirierend
leises wimmern,stilles wehen.
Synapsen schnurrend aquirierend.

Ein Hauch von Flucht,

Thanatos.
Der Duft der Sucht.

Das letzte Haus

admin am 8. November 2009 um 22:09

Sie hatten das letzte Haus im Dorf. Die holprige Straße wird immer länger, zwischen den Höfen hindurch, sachte splitternde Brettverschläge zur Linken wie zur Rechten. Keine Gabelung. Hinter dem Haus freies Feld bis zu den nächsten Höfen, aber das ist weit; einer der Fußmärsche, die, mit dem Ziel ständig im Blickfeld, doch nie zu Ende zu gehen scheinen. Mischwälder als Talbgerenzung, in deren Schatten die Weideflächen für mehr als genug. Einer der Orte, die die Bewohner im Scherz selbst als Ende der Welt bezeichnen, ist das, aber sie wollen diesen Scherz von niemand hören, der nicht von hier ist.

Vom letzten Haus im Dorf ist der Rest fast komplett zu überblicken. Es gibt zwar ein paar wenige Seitenstraßen, das schon, doch sind die so verkümmert, verödet, dass sie in der Wahrnehmung der Dorfbewohner keine Rolle mehr spielen. Der Dorfbewohner an sich ist nicht seltsam oder verschroben, gar gefährlich. Viel eher würde er sich heimlich schon gerne in der Rolle des Städters gefallen, neigt bisweilen sogar dazu zu duckmäusern. Dennoch schweißt sich eine Gemeinschaft aus dem Gefühl für eine besondere Art von Authentizität, die der Landbevölkerung zu Eigen sei. Es ist schwer einzudringen, sich zum Bestandteil zu machen, doch zieht ohnehin so gut wie nie jemand hinzu. Im Gegenteil – die Jugend flieht, wer bleibt sind die Alten, die die schon immer hier und nie woanders waren. Das Leben verlangsamt sich.

Sie haben ein weites Fenster zur Straße hin bei der 42. Das ist das letzte Haus in der Straße, eines der größeren, ebenso dunkel aus Holz, wie die anderen, ein Stall daneben. Überm Asphalthof hängt ein Basketballkorb ohne Netz. Die Atmosphäre ist typisch; durchdrungen vom Muff, den man nicht loswird, Staub knapp über der Asphaltoberfläche, Fußabdrücke und es stinkt nach Schwein, das kommt von den Nachbarn rüber. Auf die Straße haben die großen Maschinen ihre charakteristischen Spuren gemalt, braun auf grau, man trägt den Dreck mit ins Haus an den schweren Stiefeln.

Vielleicht ist es doch ein Fluch wirklich das ganze Dorf sehen zu können vom Fenster aus. Aber er kommt da nun mal nirgends. Wieso sollte sie sich Sorgen machen, wieso sollte sie hier noch stehen und schauen ohne wahrzunehmen, blindes Glotzen gegen die Scheibe, die Formen sind nur Spiegelungen. Das eigene Blinzeln gespiegelt beobachten. Verharren, sich in den Körper fühlen, die Körperschwere auskosten. Sie weiß nicht, wieso es ihr heute etwas ausmacht. Ein Traktor röhrt ignorant vorbei, die kalte Jahreszeit kündet sich schon an.

Früher muss das im Winter schlimmer gewesen sein. Sein Großvater hat das Haus gebaut, es knarrt und kracht natürlich in allen Stockwerken, doch abgedichtet ist es mittlerweile überall. Der Kamin liefert eine trockene Wärme, die sich auf die Netzhaut legt, die Augen brennen lässt. Dafür friert niemand. Noch ist es dazu natürlich zu früh, aber lange wird es nicht mehr dauern. Hier oben gibt es noch regelmäßig Schnee. Die Bäche hinterm letzten Haus, die sich verloren durchs Tal ziehen, frieren recht schnell zu; als Kind ist sie öfter als einmal eingebrochen.

Es wird Abend, oder vielleicht ist das auch schon der Abend. Die stillste Stunde des Tages jetzt, im Haus rührt sich nichts. Selbst Max und Susanne sind wohl schon müde genug, um nicht mehr laut sein zu können. In aller Ruhe kann sie am Fenster stehen. Warten. Warten, bist die Nacht ihr das Licht nimmt, um noch mehr erkennen zu können, als die kühl gezogenen Geraden der Häuserwände am Straßenrand. Einzelne, flackernde Lichter, das Echo eines Hundesgebells. Auf dem Fensterglas hinterlässt die Hand einen fettigen Abdruck, ohne Unterlage zittert sie, wie von haardünnen Fäden gezogen. Ihre schönen, bleichen Lippen fast geschlossen, flach zieht der Atem durch den Spalt, ein vorsichtiges Beben in der Brust.

Und schon nicht mehr wissen, was er noch sagte, bevor er ging, ob da vielleicht doch … Wenn er jetzt die Straße herunterkäme, würde sie die Konturen des kantigen, aber schmalen Körpers erkennen, trotz Dunkelheit. Das stumpfe Glotzen lässt Sekundenzeiger einfrieren, im Hirn ziehen Selbstgespräche ihre Bahnen durch die Windungen, durch die Zellen, immer die Selben. Aber wo soll er schon? So spät ist es ja auch noch nicht und selbst wenn, was könnte schon, was hätte sie denn zu befürchten.

Hektisch genickt, weil Max auf einmal ein Glas Wasser möchte. Taucht immer aus dem Nichts auf der Kleine und man muss sich manchmal zurückhalten, um nicht laut loszuschreien, nicht gegen ihn, sondern vor Schreck. Sein Gesicht war immer irgendwie ausdruckslos und auf der Straße blieb niemand vorm Kinderwagen stehen, um wenigsten ein ist er nicht niedlich hineinfallen zu lassen. Die Augen sind groß und blinzeln nicht und wenn Mama nicht spricht, tut er es genauso wenig. Das macht die Stille im Haus nicht besser, diese unerträgliche Stille, diese gottverdammte, aber Mama wird wohl wahnsinnig, das spürt sie schon und hat Angst vor dem, was da vielleicht rauskäme, würde sie den Mund jetzt öffnen. Gehste wieder hoch, ja flüstert sie so still, dass sie es selbst kaum hört, aber Max ist schon wieder weg und sagt Susanne bestimmt, dass Mama wieder komisch sei heute Abend, so seltsam.

Dabei ist das wahrscheinlich nichts, als dieses Dorfleben, dieses gottverdammte, und die Stille den ganzen Tag über und nur nichts und Wald um sie, wenn sie ein paar Schritte aus dem Dorf geht. Der Wald droht immer von hinten her, der ist nicht schön oder romantisch, sondern streng und düster und immer da, einfach immer; vor dem Wald kann sie nicht fliehen, genauso wenig wie sie vor Max fliehen kann oder Susanne, wenn sie sie wieder so ansehen, das hält man nicht aus, das hält niemand aus. Das hält niemand aus, nicht allein und wie soll sie das alles schaffen, wenn er jetzt nicht wiederkommt, wenn er jetzt nicht endlich wieder auftaucht, da hinten wo ihn das Licht vom Gasthaus her träfe und sie würde hinauslaufen , so wie sie ist und ihm um den Hals fallen, so lang musste sie darauf warten, ihm um den Hals zu fallen, so lang.

Und der Mond ist jetzt auch schon hoch oben und hell genug. Hat die Kinder jemand ins Bett gebracht? Sie weiß es nicht mehr, erinnert sich nicht mehr, wann sie die letzten Schritte durchs Holz hat knarren hören. Selbst wenn sie nicht vergeht, die Zeit, vergeht sie irgendwie. Sie sollte nach oben gehen, das weiß sie, noch mal nachschauen, vielleicht jemand gründlicher zudecken, aber dann wird sie am Ende noch wahnsinnig und das weiß sie schließlich auch, sie will sich nichts vorwerfen lassen, endlich nichts mehr vorwerfen lassen.

Wenn er nur endlich wiederkäme, zu ihr, dann würde es da auch besser klappen vielleicht. Wenn er wieder da wäre und spürbar wäre und riechbar, fest, ein echter menschlicher Körper, ein großer, erwachsener Körper, neben ihrem. Dann würde das besser funktionieren. Dann würde sie Max vielleicht endlich nicht mehr so ansehen am Abend und Susanne würde sich nicht mehr hinter ihrem Bruder verstecken vor der Mutter und man käm dann auch besser durch den Winter. Wie soll sie nur durch den Winter kommen. Der fängt vielleicht morgen schon an und morgen früh wacht sie wieder auf, im Sessel vorm Fenster und es ist Winter und die Kinder frieren alle beide.

Aber morgen kommt er dann bestimmt. Diesmal spürt sie’s mit dem Aufwachen. Nur Max wird sie nichts davon sagen und Susanne auch nicht. Sie hofft, vielleicht haben sie ihn schon vergessen.

(4.10.09)

Kopflast

admin am 8. November 2009 um 21:56

Seit jener schrecklichen Nacht ist nichts in ihrem Leben mehr so, wie es einmal gewesen ist.
Sie wirft einen Blick in den großen Wandspiegel und erkennt sich kaum wieder. Sie sieht eine hinreißende Blondine mit azurblauen Augen, die mit seitlich untergeschlagenen Beinen auf dem Bett in ihrem Schlafzimmer sitzt und mit großen, traurigen Augen in den Spiegel starrt. Sie hat es nicht gewagt, ihre Haare wieder zu glätten und sie ihre Naturfarbe Hellbraun annehmen zu lassen. Sie will sich bestrafen für das, was sie getan hat, sodass sie sich ihr Leben lang daran erinnern muss.
Sie steht auf und betrachtet sich im Spiegel. Fährt sich mit den Fingern durch die goldenen Locken, die ihr wie ein Wasserfall über die Schultern bis zur Hüfte fließen und ihre kurvenreiche Figur umschmeicheln.
Marissa, mein Rauschgoldengel, hat Adam sie liebevoll genannt.
Für dich, flüstert sie und legt die Fingerspitzen an das kalte Glas. Nur für dich habe ich das getan. Nur weil du blonde Locken wunderschön fandst.
Kraftlos setzt sie sich wieder auf das Bett und vergräbt ihr Gesicht in den Kissen. Sie schließt die Augen und denkt verzweifelt: Ich brauche dich so sehr!
Vor zwei Jahren trat Adam in ihr Leben, als er mit seiner Clique beim selben Campingplatz die Sommerferien verbrachte wie sie mit ihren Eltern. Sie ging auf dieselbe Schule wie Adam und die anderen, war jedoch immer eine Außenseiterin, weshalb sie auch rot vor Freude wurde, als Adam sie eines Tages beiläufig beim Sonnen am See in der Nähe des Campingplatzes angesprach. Obwohl er ihr bloß ein Kompliment über ihre Figur machte, klopfte ihr Herz wie wild, und seitdem war sie unwiderruflich und unwiderstehlich in Adam verliebt. Und irgendetwas, sei es auch nur ihre Figur, fand er wohl auch an ihr besonders, denn nach den Sommerferien waren sie und Adam ein Paar. Plötzlich stieg ihre Beliebtheit an der Schule rapide; Leute, die sie früher geflissentlich aufgrund ihres unscheinbaren Äußeren ignorierten, wollten auf einmal mit ihr befreundet sein, drängten sich geradezu als beste Freunde auf. Anfangs machte sie sich noch Sorgen wegen der vielen hübschen Mädchen aus Adams Clique, doch sie stellte erleichtert fest, dass er absolut kein Interesse an ihnen zeigte. Er hatte nur noch Augen für sie und hing an ihr genauso wie sie an ihm.
Doch nach zwei Monaten bekam ihre heile Welt Risse: Eine ihrer neuen „Freundinnen“, verriet ihr, dass Adam sie regelmäßig betrog. Zuerst führte sie das auf Neid zurück und lehnte es vehement ab, den Gerüchten auch nur einen Funken Glauben zu schenken. Doch als sie ihn auf einer Party in flagranti ertappte, war sie am Boden zerstört. Adam flehte sie an, ihm eine zweite Chance zu geben; er sei betrunken gewesen und hätte nicht gewusst, was er da täte. Sie verzieh ihm, weil sie ihn trotz allem immer noch liebte, doch ein schales Gefühl war geblieben. Unsicher hatte sie den Grund für seinen Seitensprung bei sich gesucht: Genügte sie ihm womöglich nicht?
Wenn du jemanden mehr liebst, als von ihm geliebt zu werden, tust du alles, um die Waagschalen zu tauschen. Du ziehst dich so an, dass es ihm gefällt. Du eignest dir seine Lieblingsredewendungen an. Du sagst dir, wenn du dich selbst neu erschaffst, so wie er dich gern hätte, dann wird er sich genauso nach dir verzehren wie du dich nach ihm.
Doch es nutzte nichts. Obwohl Adam überrascht war, änderte das nichts daran, dass sie immer wieder hören musste, wie äußerst freizügig er sich auf Partys benahm. Jedes Mal zeigte er sich reumütig und flehte sie an, ihm zu vergeben, er würde es auch nie wieder tun. In ihrer Angst, ihn zu verlieren, entschloss sie sich schließlich dazu, mit ihm zusammen auf die ihr verhassten Partys zu gehen. Adam zeigte sich nicht sehr begeistert und die ganze Nacht verbracht ihr zu demonstrieren, wie fehl sie am Platz war. In ihrer Verzweiflung trank sie, bis sie sich schwankend auf der Toilette erbrach, und dort machte sie Bekanntschaft mit den bunten Pillen und den Tütchen, mit denen da gehandelt wurde. Mit der Zeit wurde dies ihre einzige Zuflucht aus dem Alltag. Sie hasste ihr Leben, sie hasste sich selbst, und vor allem hasste sie Adam, weil sie einfach nicht von ihm loskam. Sosehr sie sich wünschte, er möge aus ihrem Leben verschwinden, so war sie sich doch bewusst, dass sie ihn immer noch abgöttisch liebte.
Eines Tages kam es dann zu der schrecklichen Tat, an die sie sich auch heute noch erinnerte, so deutlich war die Erinnerung. Die Nachbarn beschwerten sich über den massiven Lärm, sodass alle Partygäste schleunigst flüchteten, denn niemand wollte mit der Polizei Bekanntschaft machen. Adam und sie wankten beide betrunken und zugedröhnt zu Adam nach Hause; Adam, der betrunken war, warf ihr, die aufgehört hatte zu zählen, wie viele Pillen sie geschluckt hatte, wüste Beschimpfungen an den Kopf. Offenbar bildete er sich ein, sie hätte die Polizei gerufen, um „seine Pläne zu durchkreuzen“, was auch immer das heißen mag. Sie, die von acht Uhr abends bis vorhin um ein Uhr nachts ihre Toilettenkabine nicht verlassen hatte, bestritt empört seine Anschuldigungen. Während sie völlig neben sich stand, platzte sie auch noch gleich mit all ihrer aufgestauten Wut heraus: All die Male, die Adam sie verletzt und enttäuscht hatte, warf sie ihm vor, und sie war zweifellos im Recht, doch durch die Drogen nahm sie einen aggressiven Unterton an, was bei Adam, der ohnehin schon am Kochen war, endgültig das Fass zum Überlaufen brachte. Die beiden lieferten sich ein heftiges Wortgefecht; ihre Worte hallten in den leeren Straßen wieder, und sie stritten sich, bis sie in Adams Wohnung ankamen. Er bedeutete ihr ruhig zu sein, um seine schlafenden Eltern nicht zu wecken, doch sie dachte gar nicht daran, noch länger auf ihn zu hören. Sie veranstaltete einen Heidenlärm, und der mit einem Schlag nüchterne Adam versuchte sie zu beruhigen, indem er sie festhielt, woraufhin sie in ihrem Zorn nur noch den Wunsch verspürte, ihm wehzutun. Sie riss ihr Knie hoch und erkämpfte sich dadurch etwas Freiraum, dann sprang sie an ihm hoch, stellte sich auf seine Schultern und setzte sich auf seinen Kopf, um sich so fest wie möglich an seinen Haaren festzukrallen. Was abgesehen von ihrer wutverzerrten Grimasse wie eine liebevolle Umarmung aussehen mochte, war in Wirklichkeit ein Kampf um Leben und Tod. Adam drohte zu ersticken, denn sie umschlang fest seinen Hals. Zu fest. Er schwankte blind im dunklen Korridor herum. Sie hing wie eine Würgeschlange an ihm; die Drogen verliehen ihr ungeheure Kräfte und spornten sie in ihrem Wutanfall nur noch weiter an. Irgendwann hielt Adam der Kopflast nicht mehr stand. Schwankend versuchte er am Treppengeländer Halt zu finden, verfehlte es in der Dunkelheit jedoch. Marissa stieß an die Wand und fiel hart auf den Boden; sie versuchte noch, sich an Adam festzuhalten – und versetzte ihm damit den Todesstoß.
Sie schrie. Ihr Schrei hallte durch das ganze Haus und weckte sämtliche Nachbarn. Sie hatte das Licht angeknipst, als sie Adam nicht finden konnte, und gesehen, weshalb: Er lag unten an der Treppe, mit dem Gesicht zu Boden, um ihn herum eine Blutlache. Unweigerlich tot.
Das Kissen dämpft ihr Schluchzen. Was hat sie getan? Wie konnte sie das tun? Wie konnte sie wegen ihrer Hassliebe ihre wahre Liebe umbringen!
Den Nachbarn sowie Adams fassungslosen Eltern erklärte sie schluchzend, es sei ein Unfall gewesen. Doch sie allein war mit der Wahrheit für immer gestraft.

Katinka, Katinka

admin am 7. November 2009 um 11:29

Erinnerst du dich, Katinka, an den Sommerabend auf dem Darß? Wir schwammen in der immerkühlen Ostsee und lagen danach im warmen Sand, über unseren nackten Körpern war nur Himmel und Sonne. Stundenlang lauschten wir dem Meeresrauschen, zwischendurch lasen wir uns vor und vermischten unsere Worte mit dem Säuseln der Wellen.
Welches Buch?
Ich weiß es nicht mehr, vielleicht eine Geschichte von Himmel, Sonne und zwei Menschen, die sich gegenseitig Geschichten vorlesen.

Später gingen wir zu dem kleinen Hafen des Ortes, bummelten an der Promenade und sahen uns die Segelboote an. Waren sie nicht ebenso im Nirgendwo beheimatet wie wir, Katinka? Auch uns war jeder Hafen nur vorübergehende Station auf dem Weg zum nächsten Ufer, das seinen Zauber einbüßte, wenn wir es erreichten.
„So könnte es Zugvögeln oder Nomaden gehen“, überlegtest du.
Damals hatte die Landschaft ihre Eigenheiten verloren und war zu einer abstrakten Abfolge von Wiesen, Wäldern und Seen geworden. Menschen, die wir kennen lernten, waren nur noch Typen, die an Bekannte erinnerten und wir fragten immer seltener, was unter ihrer Maske lag. Nur wir waren von fester Substanz und wurden wirklicher, je mehr sich die Landschaft in Konturen verlor und die Menschen zu Masken wurden.

Wir gingen auf den Friedhof des Städtchens, die ungepflegten Gräber lagen um die trutzige Kirche herum. Vögel zwitscherten in den Bäumen, ein leichter Wind kam vom Meer und spielte mit deinem schwarzen Haar. Du hast versucht die Worte auf den Grabsteinen zu lesen, aber viele Buchstaben ergaben sich schon der Zeit und so blieben die meisten Toten namenlos.
„Man sollte seinen Namen stets vor sich her sagen“, murmeltest du, „um die Welt von seiner Anwesenheit zu überzeugen.“
„Katinka, Katinka“, antwortete ich, „solange wir vergehen, leben wir.“ Es gelang mir nicht dich aufzumuntern, nie gelang es mir, dich zu trösten oder zu erheitern. Doch du hast die Absicht verstanden und gelten gelassen.

Nur dein schmales Lächeln quittierte dem Satz meinen Misserfolg.
„Still“, sagtest du und nahmst meine Hand in deine. Die war so warm und trocken wie deine Lippen. Du hast nach Himmel und Sonne geschmeckt, nach Kräutern und Wald.
Als wir zurück fuhren, zeigte sich die Natur in spätsommerlicher Pracht. Auf dem Darß zerteilte die Straße ein Meer von Rapsfeldern, deren leuchtendes Gelb vom Wind gewellt wurde. Im Landesinneren zogen schwer beladene Apfelbäume an uns vorbei, Raubvögel thronten auf Strommasten und hielten die Felder im Auge. Eine Familie kam im Abendlicht von einer Fahrradtour zurück. Festzeit des Hochsommers.
Nie waren wir einsamer.

Ich glaube, Katinka, dass mit diesem Tag unsere Liebe zu schwinden begann. Vielleicht lag es an der Geschichte, die wir uns vorgelesen haben, dass wir uns selbst wie Figuren in einer Geschichte vorkamen. Unsere Liebe wurde vieldeutig, es war auf einmal, als verbarg jeder Sinn einen Hintersinn. Mit der Eindeutigkeit verschwanden auch wir.
In langen milden Septembernächten zeichneten wir mit den Fingern die Formen unserer Körper nach. Ein Ritual, mit dem wir uns unserer Körperlichkeit versicherten.
Wir liebten uns hemmungslos wie nie und taten all die Sachen miteinander, die wir uns vorher nur in der Fantasie erlaubten. Möglicherweise lag es an der Geschichte, die wir uns vorgelesen haben, dass wir selbst zu Figuren in einer Geschichte wurden.
Manchmal, wenn wir über den nahenden Herbst sprachen, hellte sich dein Gesicht auf.
Du hofftest auf Abschied und Neubeginn. So war es die vorherigen Jahre gewesen, mit dem Herbst kam deine Melancholie, die sich bald in Traurigkeit verwandelte. Um zu entkommen, hatten wir uns Jahr um Jahr auf den Weg gemacht, irgendwo einen Neuanfang zu machen. Ich ahnte damals schon, Katinka, das nächste Ufer musstest du allein erreichen.

Noch vor dem dunklen Oktober kam der Brief der obersten Behörde. Ich soll mein Leben ändern, stand darin. Zu einem festgesetzten Zeitpunkt wurde mir befohlen an einem bestimmten Ort zu sein, wo ich ab dann bleiben musste.
Wir hatten mit diesem Brief gerechnet. Nie hatten wir darüber gesprochen, aber dass er kommen würde, das hatten wir tief empfunden und gewusst.
Die bevorstehende Trennung verjagte alle Schatten. Wir lebten in einen großartig verregneten Herbst hinein, kauften uns Gummistiefel und liefen durch Pfützen, ließen Drachen steigen und liebten uns mit herrlicher Verzweiflung.
Nie war unser Leben intensiver.

Seltsamerweise hörten wir bei all dem nicht auf, zu verschwinden. Es war, als verblassten wir wie Buchstaben in einem alten Roman.
Vielleicht las ihn niemand mehr, oder die Zeit entließ ihre Figuren in neue Schicksale.
In den Nächten berührten wir uns nicht mehr, sondern lauschten dem Blätterrauschen oder dem fallenden Regen. Einmal, als die Morgensonne durch das Fenster schien, schimmerte ein Baum durch dein Gesicht. Danach berührte ich dich nicht mehr, aus Angst, dass du nur noch ein Trugbild warst.

Am Vortag meines Aufbruchs packte ich das Wenige, das ich mitnehmen wollte und stellte es im Wohnzimmer auf.
Katinka, an diesem Abend warst du kaum noch zu sehen, dein Körper war durchscheinend wie Pergamentpapier.
„Dieser Abschied beinhaltet keinen gemeinsamen Neubeginn“, stelltest du fest.
Ich nickte, was hätte ich auch sagen sollen?

Am nächsten Morgen warst du verschwunden, ich suchte die ganze Wohnung nach dir ab, Katinka, doch du warst weg. Vielleicht hast du in der Nacht begriffen,
dass Menschen keine Figuren sind, und das Buch unserer Geschichte zugeschlagen, bevor es die oberste Behörde tun konnte. Ich glaube, das hast du.

Momentaufnahme

admin am 7. November 2009 um 11:27

Lärm. Ich wache auf. Wieder ein beschissener Montagmorgen. Ich starre auf die Uhr, 5:54. Scheiße, Alter, ich kann noch 20 Minuten schlafen.

Die Bauarbeiter vor meinem Fenster machen mich wahnsinnig. Momentan wird die Straße aufgerissen und neu geteert. Sinnlose Tätigkeit, eigentlich. Ich meine, die Straße ist doch schon befahrbar gewesen? Aber ist ja Ende des Jahres, da werden öfters irgendwelche Straßen saniert. Weil sie es ja so nötig haben. Falsch. Weil die Stadt zu viel Geld hat.

Nun kann ich auch nicht mehr schlafen. Was machen Bauarbeiter so früh morgens auf der Arbeit?

Ich beschließe, doch auf zu stehen. Ein imaginärer Vorschlaghammer trifft meine Stirn. Ich hätte nicht so viel trinken sollen. Was hab’ eigentlich getrunken? Und wie viel? Ja zuviel, das ist mir auch klar. Ich liebe diese Stimme in meinem Kopf, ist ’n sarkastisches Arschloch.

Hin- und hergerissen zwischen aufstehen und liegen bleiben, Schule und blaumachen,  acht Stunden blabla und der einschläfernden Stimme von Frau Kallwas und Co starre ich auf meine Uhr, um zu sehen, wie die Zeit verstreicht. … Schon wieder 3 Minuten.

Anziehen, muss ja sein. Während ich die Decke zurück schlage, bemerke ich die roten Flecken unter der Bettdecke. Es blutet. Was war gestern Nacht gescheh’n, verdammt?

Um den Vorschlaghammer zu beseitigen, greife ich blind auf meinen Nachttisch zu den Medikamenten, da wo das Aspirin liegen sollte.

Tut es aber nicht. Stattdessen habe ich Tramadol in der Hand. Ich sehe auf meinen Nachttisch und blicke auf einen Haufen von lose herumliegenden Tabletten. Und einer Flasche Rotwein. Und einer blutverkrusteten Rasierklinge.

Es klingelt. Scheiß Telefon. „….Hey? Bist du da? Man, jetzt geh’ doch an dein Telefon! Warum meldest du dich nicht? Hab seit Tagen kein Sterbenswort von dir gehört, ich mach mir doch echt nur Sorgen. … Ach, wenn du nicht willst….“ tuuut-tuuut.

Ich blicke genauer auf meine Uhr. Alter, heute is’ gar nicht Montag. Scheiße, es ist Donnerstag. Ich sehe meine Wohnung an und befinde mich wie in einem schlechten Film. Alles zerwühlt, rot. Der Versuch, aufzustehen endet in einer Kuschelrunde mit dem Boden.

Wenn ich seit dem Wochenende hier liege… habe ich weder was gegessen noch was getrunken. Genau so fühlt sich mein Körper auch an. Ich übergebe mich an Ort und Stelle und bleibe in meiner Kotze liegen.

Scheiße, verdammte.

Ich wache auf. Meine Haare am Boden festgeklebt in der angetrockneten Kotze. Wunderschöner morgen. Ich schaue auf die Uhr. Donnerstag, 18:00 Uhr. Es dämmert wieder. Wie in einem Film ziehen die Bilder der letzten Tage an mir vorbei.

Vor mir sind Freunde. Ehemalige Freunde, die mir unschöne Sachen an den Kopf werfen: „Geh doch in die Geschlossene. Da gehörst du hin, du Freak“.

Caro steht vor mir: „Wenn du Hilfe brauchst, melde dich. Ich bin immer für dich da“.

Ist Caro denn die Einzige, der ich etwas bedeute? Das Telefon klingelt wieder: „Da du es ja auch nach vier Tagen nicht  für nötig hältst, dich zu melden, kannst du mich mal ganz freundlich am Arsch lecken. Echt, tut mir Leid, aber auf so was kann ich verzichten. Mach mit deinem Leben doch, was du willst“.

Nein, auch Caro bin ich egal. Ist es nicht das, was ich wollte? Alleine sein? Nun bin ich’s und es tut weh.

Ich zerre meine Haare vom Boden und  greife nach der Rasierklinge und während ich schneide, kommt mir das Wort „Kopflast“ in den Sinn. Ja, das ist ein schönes Wort.

Das alles ist kopflastig. In meinem Erbrochenen sitzend, welches sich nun mit Blut vermischt, denke ich darüber nach, was das Wort bedeuten könnte.

Kopflast – kopflastig. Ich schreibe es mit dem Blut auf ein freies Stück Boden und lese noch mal.

Kopflast.

Und ich wache wieder auf.

Willkommen!

admin am 8. September 2009 um 21:29

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dieser Blog bietet euch Neuigkeiten und wichtige Informationen zu dem ersten gemeinsamen Wettbewerb zwischen keineJugend.de und dem Literatur-Forum.info. Bald werden hier eure ersten Wettbewerbsbeiträge zu lesen sein. Wer die Teilnahmebedingungen noch nicht kennt, kann sich hier informieren: Teilnahmebedingungen

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Grüße
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