Fleischtheke von Sasa
Es war früh am Abend, kalt und regnerisch. Genau die richtigen Rahmenbedingungen für eine ausgewachsene Novemberdepression.
Die nicht mehr ganz junge Frau blickte resigniert in den Spiegel. Das war nicht ihr eigenes Gesicht. Sorgenfalten. Blasse Haut. Ringe unter den Augen.
Überhaupt diese Augen, schwarz und angstvoll, nicht mehr der warme Glanz, der ihnen einst innegewohnt hatte, nie mehr. Wo war die Zeit geblieben? Die Jugend? Was sollte noch kommen?
Die Frau spürte, wie sie begann, zu schwitzen; das aschfahle Gesicht, das ihr entgegenblickte, nun fettig schimmernd. Sie war doch noch viel zu jung zum Sterben.
Falten, nicht vom Lachen!
Krankheit.
Tod und Verderben.
Sie hatte doch nur eine neue Hose kaufen wollen, wie kann einem denn das Leben so derartig entgleiten? Und wer zum Henker ist verantwortlich für die Beleuchtung in Umkleidekabinen?
Die Richtung stimmt von Ruelfig
Spürhunde auf den Fersen, durch ein übrig gebliebenes Waldstück zwischen unfertigen Neubauten, ein Stück den Bach entlang, der Schlamm schluckt den linken Schuh, ausgerechnet, kalt und das Hühnerauge schmerzt, quer durchs Wasser, das sollte die Spuren verwischen, einen Bahndamm hinauf, das Kläffen der Köter im Ohr. Kurz verschnaufen, orientieren, die Scheinwerfer der Nachtbaustelle für den neuen Autobahnknoten geben genug Licht, um das Ausmaß der Zerstörungen zu erkennen, hier hatte der Wirbelsturm letzte Woche am heftigsten gewütet. Alles liegt kreuz und quer, Abschürfungen, Schnittwunden, auch den zweiten Schuh verloren beim Klettern über Baumstümpfe, in die Luft ragende Wurzeln. Die Grenzen zwischen Schatten und Materie verschwimmen, der auffrischende Wind trägt knatternde Geräusche heran, Hubschrauber mit Suchscheinwerfern überfliegen das Gelände. Am Bauzaun entlang, humpelnd über Schotter, schon sind die Stimmen der Suchmannschaften zu hören: Hier! Nein, hierher! Dahinten, ein Schemen, ein Auto, geübte Griffe, fort von hier, auf Socken in die Freiheit, nichts mehr zu verlieren außer ein paar Antworten.
Der Mond geht unter. von Neruda
Ich liege mit meinem rotgefickten Gesicht auf deiner lieblos rasierten Brust. Hier und da reißen die Stoppeln feine Striemen in meine Haut. Strampelnd befreie ich uns aus der krampfhaften Umarmung deiner Bettdecke. Während ich mir hektisch und schwer atmend den Slip wieder über die scharfkantigen Hüftknochen streife, liegst du selbstzufrieden und nackt im grellen Tageslicht. Nackt. Wie kann man nur so nackt sein? "In Wahrheit ist niemand jemals nackt.", hatte meine Mutter immer gesagt. Ich lege mich verkehrtherum zurück in deine Arme, aber du drehst dich nicht mit, bleibst steif und formlos, fast als wäre ich allein. Ich liege mit der heißen Wange auf deinem kalten Oberarm und beiße mir auf die Lippen um sie dir nicht in die Haut zu bohren. Erst als du es bemerkst, presst du deinen faltigen Bauch gegen meinen harten, gebogenen Rücken und zwingst mich, mich wieder in die richtige Richtung zu drehen. Ich ersticke fast, eingeklemmt zwischen deinen Achseln und deinen nicht spürbaren Rippen. Alles an dir ist weich und riecht so heimatnah. Und ich hungere mich satt an diesem Duft von Unendlichkeit, die aus allen Poren strömt und niemals mir gehört. Nein, das hier ist nicht für mich bestimmt. Im harten Sonnenlicht sind die Konturen plötzlich deutlicher zu erkennen. Du hast die runde Deckenlampe ausgeschaltet und die Jalousien hochgefahren. Verlassen hast du mich, du weißt es nur noch nicht.
Kamikaze Pokemon von Cube
Mart meint, man müsse den Dingen auf den Grund gehen. Sonst wüsste man nicht, woran man sei. Die Tiefenstrukturen des Ich erforschen und all das Hässliche zu Tage fördern, was sich vor den oberflächlichen Sprachspielen dorthin geflüchtet habe. Anders, meint er, bekäme man sich nicht zusammen. Ist wohl so ein Identitäts-Ding – sich selbst finden, ihr wisst schon. Ich denke, Mart ist ein Idiot.
Wird schon seinen Grund haben, wenn manche Sachen das Licht scheuen, oder? Es gibt ja auch so Nachtschattengewächse, wie Vampire und so Typen, wunderschönes Kreaturen-Zeug, das wohl eher nicht für natürliche Beleuchtung gemacht ist. Als ich letztens mit einem unterwegs war und er nach einer durchgemachten Nacht unbedingt den Sonnenaufgang sehen wollte, weil irgendein Song genau dieses Phänomen zum Thema hatte, löste er sich natürlich auf. Pfffff – Rauchwolke, die einen Fuck-Finger formte, bevor sie vom Wind fortgetragen wurde. Aber Fuck-Finger, immerhin.
"Egal", sagt Mart. "Hat dein Kumpel wenigstens einmal das Licht gesehen." Mart mischt sich gerne mal ein, so einer mit Überzeugungen ist das, erträgt es nicht, wenn er nur indirekt reden darf. "Was soll denn das bringen", frage ich. "Dieses ständige Rumwühlen in den Abgründen? Alles ans Licht zerren und dann -" "Der Erkenntnis einen Schritt näher kommen, Alder. Das ist das Geheimnis.""Nein", sage ich. "Das Geheimnis ist, dass es kein Geheimnis gibt. Wir sind nur ständig dabei, etwas in die Dinge hineinzugeheimnissen." "Die Deutschen", sagt er, "sind ein Volk der Leidenswilligen. Wenn wir nicht leiden, geht es uns nicht gut. Sieh dir Dürers Melancolia an, das ist genau das. Monolithisch vor sich hin brütender Denker, im inneren Krieg mit sich und der Welt. Den gibts aber nicht geschenkt, um da hinein zu geraten, muss man schon mal ein bisschen wühlen."
Ah ja, denke ich, Wühler und Fühler sind wir, immer auf der Suche nach dem Schmerz, um so Sachen wie diesen Satz von Jan Imgrund produzieren zu können: Es ist aber auch alles so zerstörerisch beleuchtet. Ich denke, dass er das Beleuchtete und nicht die Beleuchtung meint, außer er hat die Zeilen im Angesicht einer Atombombe oder so geschrieben. Das liegt ja im Auge des Betrachters, auch wenn der im Nachhinein vaporisiert wäre. Letztlich ist es ja aus einem Gedicht und Lyrik ist Kunst, für die Kunst zu leiden, das hat schon was Erhabenes, wenn man daran glauben kann, also warum eigentlich nicht. Kann man so lassen. Soll er den Sachen auf den Grund gehen, in dieser Geschichte.












das mit der uhr muss ich echt bestätitgen, wär super wenn man wieder irgendwo die forenzeit ablesen könnte.