Es ist aber auch alles so zerstörerisch beleuchtet.

Umfrage endete am So 26 Jun, 2011 21:51

Fleischtheke
2
15%
Die Richtung stimmt
3
23%
Der Mond geht unter.
5
38%
Kamikaze Pokemon
3
23%
 
Abstimmungen insgesamt : 13

Auswertung 30 minuten prosa vom 19.06.

Beitragvon mo.- » So 19 Jun, 2011 21:51


Fleischtheke von Sasa

Es war früh am Abend, kalt und regnerisch. Genau die richtigen Rahmenbedingungen für eine ausgewachsene Novemberdepression.
Die nicht mehr ganz junge Frau blickte resigniert in den Spiegel. Das war nicht ihr eigenes Gesicht. Sorgenfalten. Blasse Haut. Ringe unter den Augen.
Überhaupt diese Augen, schwarz und angstvoll, nicht mehr der warme Glanz, der ihnen einst innegewohnt hatte, nie mehr. Wo war die Zeit geblieben? Die Jugend? Was sollte noch kommen?
Die Frau spürte, wie sie begann, zu schwitzen; das aschfahle Gesicht, das ihr entgegenblickte, nun fettig schimmernd. Sie war doch noch viel zu jung zum Sterben.
Falten, nicht vom Lachen!
Krankheit.
Tod und Verderben.
Sie hatte doch nur eine neue Hose kaufen wollen, wie kann einem denn das Leben so derartig entgleiten? Und wer zum Henker ist verantwortlich für die Beleuchtung in Umkleidekabinen?




Die Richtung stimmt
von Ruelfig

Spürhunde auf den Fersen, durch ein übrig gebliebenes Waldstück zwischen unfertigen Neubauten, ein Stück den Bach entlang, der Schlamm schluckt den linken Schuh, ausgerechnet, kalt und das Hühnerauge schmerzt, quer durchs Wasser, das sollte die Spuren verwischen, einen Bahndamm hinauf, das Kläffen der Köter im Ohr. Kurz verschnaufen, orientieren, die Scheinwerfer der Nachtbaustelle für den neuen Autobahnknoten geben genug Licht, um das Ausmaß der Zerstörungen zu erkennen, hier hatte der Wirbelsturm letzte Woche am heftigsten gewütet. Alles liegt kreuz und quer, Abschürfungen, Schnittwunden, auch den zweiten Schuh verloren beim Klettern über Baumstümpfe, in die Luft ragende Wurzeln. Die Grenzen zwischen Schatten und Materie verschwimmen, der auffrischende Wind trägt knatternde Geräusche heran, Hubschrauber mit Suchscheinwerfern überfliegen das Gelände. Am Bauzaun entlang, humpelnd über Schotter, schon sind die Stimmen der Suchmannschaften zu hören: Hier! Nein, hierher! Dahinten, ein Schemen, ein Auto, geübte Griffe, fort von hier, auf Socken in die Freiheit, nichts mehr zu verlieren außer ein paar Antworten.




Der Mond geht unter.
von Neruda

Ich liege mit meinem rotgefickten Gesicht auf deiner lieblos rasierten Brust. Hier und da reißen die Stoppeln feine Striemen in meine Haut. Strampelnd befreie ich uns aus der krampfhaften Umarmung deiner Bettdecke. Während ich mir hektisch und schwer atmend den Slip wieder über die scharfkantigen Hüftknochen streife, liegst du selbstzufrieden und nackt im grellen Tageslicht. Nackt. Wie kann man nur so nackt sein? "In Wahrheit ist niemand jemals nackt.", hatte meine Mutter immer gesagt. Ich lege mich verkehrtherum zurück in deine Arme, aber du drehst dich nicht mit, bleibst steif und formlos, fast als wäre ich allein. Ich liege mit der heißen Wange auf deinem kalten Oberarm und beiße mir auf die Lippen um sie dir nicht in die Haut zu bohren. Erst als du es bemerkst, presst du deinen faltigen Bauch gegen meinen harten, gebogenen Rücken und zwingst mich, mich wieder in die richtige Richtung zu drehen. Ich ersticke fast, eingeklemmt zwischen deinen Achseln und deinen nicht spürbaren Rippen. Alles an dir ist weich und riecht so heimatnah. Und ich hungere mich satt an diesem Duft von Unendlichkeit, die aus allen Poren strömt und niemals mir gehört. Nein, das hier ist nicht für mich bestimmt. Im harten Sonnenlicht sind die Konturen plötzlich deutlicher zu erkennen. Du hast die runde Deckenlampe ausgeschaltet und die Jalousien hochgefahren. Verlassen hast du mich, du weißt es nur noch nicht.



Kamikaze Pokemon
von Cube

Mart meint, man müsse den Dingen auf den Grund gehen. Sonst wüsste man nicht, woran man sei. Die Tiefenstrukturen des Ich erforschen und all das Hässliche zu Tage fördern, was sich vor den oberflächlichen Sprachspielen dorthin geflüchtet habe. Anders, meint er, bekäme man sich nicht zusammen. Ist wohl so ein Identitäts-Ding – sich selbst finden, ihr wisst schon. Ich denke, Mart ist ein Idiot.
Wird schon seinen Grund haben, wenn manche Sachen das Licht scheuen, oder? Es gibt ja auch so Nachtschattengewächse, wie Vampire und so Typen, wunderschönes Kreaturen-Zeug, das wohl eher nicht für natürliche Beleuchtung gemacht ist. Als ich letztens mit einem unterwegs war und er nach einer durchgemachten Nacht unbedingt den Sonnenaufgang sehen wollte, weil irgendein Song genau dieses Phänomen zum Thema hatte, löste er sich natürlich auf. Pfffff – Rauchwolke, die einen Fuck-Finger formte, bevor sie vom Wind fortgetragen wurde. Aber Fuck-Finger, immerhin.
"Egal", sagt Mart. "Hat dein Kumpel wenigstens einmal das Licht gesehen." Mart mischt sich gerne mal ein, so einer mit Überzeugungen ist das, erträgt es nicht, wenn er nur indirekt reden darf. "Was soll denn das bringen", frage ich. "Dieses ständige Rumwühlen in den Abgründen? Alles ans Licht zerren und dann -" "Der Erkenntnis einen Schritt näher kommen, Alder. Das ist das Geheimnis.""Nein", sage ich. "Das Geheimnis ist, dass es kein Geheimnis gibt. Wir sind nur ständig dabei, etwas in die Dinge hineinzugeheimnissen." "Die Deutschen", sagt er, "sind ein Volk der Leidenswilligen. Wenn wir nicht leiden, geht es uns nicht gut. Sieh dir Dürers Melancolia an, das ist genau das. Monolithisch vor sich hin brütender Denker, im inneren Krieg mit sich und der Welt. Den gibts aber nicht geschenkt, um da hinein zu geraten, muss man schon mal ein bisschen wühlen."
Ah ja, denke ich, Wühler und Fühler sind wir, immer auf der Suche nach dem Schmerz, um so Sachen wie diesen Satz von Jan Imgrund produzieren zu können: Es ist aber auch alles so zerstörerisch beleuchtet. Ich denke, dass er das Beleuchtete und nicht die Beleuchtung meint, außer er hat die Zeilen im Angesicht einer Atombombe oder so geschrieben. Das liegt ja im Auge des Betrachters, auch wenn der im Nachhinein vaporisiert wäre. Letztlich ist es ja aus einem Gedicht und Lyrik ist Kunst, für die Kunst zu leiden, das hat schon was Erhabenes, wenn man daran glauben kann, also warum eigentlich nicht. Kann man so lassen. Soll er den Sachen auf den Grund gehen, in dieser Geschichte.
Zuletzt geändert von mo.- am Mo 27 Jun, 2011 11:51, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Auswertung 30 minuten prosa vom 19.06.

Beitragvon mo.- » Mo 27 Jun, 2011 11:52


herzlichen.
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Re: Auswertung 30 minuten prosa vom 19.06.

Beitragvon Anna Lyse » Mo 27 Jun, 2011 13:22


glückwunsch zur gelungenen prosa ;)
"Er gangte aufs Dach und sprangte herunter vor lachend." -ruelfig
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Re: Auswertung 30 minuten prosa vom 19.06.

Beitragvon Neruda » Mo 27 Jun, 2011 15:38


danke, danke ;) ich hab mich etwas über das ende geärgert, aber die zeit reichte einfach nicht mehr :D
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Re: Auswertung 30 minuten prosa vom 19.06.

Beitragvon Le_Freddy » Mo 27 Jun, 2011 16:38


ja, auch von mir glückwünche hierzu.
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Re: Auswertung 30 minuten prosa vom 19.06.

Beitragvon Garfield » Mo 27 Jun, 2011 16:39


glückwunsch Neruda!
Kurz, er bewies eine Geduld, vor der die hölzern-gleichmütige Geduld des Deutschen, die ja auf dessen langsamer, träger Blutzirkulation beruht, einfach gar nichts ist.
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Re: Auswertung 30 minuten prosa vom 19.06.

Beitragvon Ruelfig » Mo 27 Jun, 2011 19:26


Gratuliere, gekonnt genutzte 30 Min
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Re: Auswertung 30 minuten prosa vom 19.06.

Beitragvon cube » Mo 27 Jun, 2011 21:41


hübsch hässlich für den verdienten sieg zusammengefunden. gut gemacht.
obwohl ruelfigs hide and run and systemfick ding auch mal wieder ziemlich geil kommt.

könnt ihr das nächste mal bitte runterschreiben, wieviel stimmen man hat? ich dachte ich hätte wieder zwei. kann natürlich an meinem verplantsein liegen, und es steht irgendwo was schlaues zu geschrieben, aber vllt bin ich ja nich der einzige, dems so geht.
und was ist überhaupt mit der forenuhr? gibt es so was? wahrscheinlich ist das weitere leben auch ohne möglich, aber gerade für wettbewerbe mit deadlines macht so eine uhr schon ein bisschen sinn.
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Re: Auswertung 30 minuten prosa vom 19.06.

Beitragvon mo.- » Mo 27 Jun, 2011 22:09


wenn mehr als eine stimme abzugeben ist dann müsste das system eig. was anzeigen. du kannst aber gernerell von einer ausgehen. es sei denn es sammeln sich sonderlich viele texte an.
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Re: Auswertung 30 minuten prosa vom 19.06.

Beitragvon rivus » Mo 27 Jun, 2011 22:19


gratulation Neruda!!
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Re: Auswertung 30 minuten prosa vom 19.06.

Beitragvon Neruda » Mo 27 Jun, 2011 22:53


danke :) das mit der uhr muss ich echt bestätitgen, wär super wenn man wieder irgendwo die forenzeit ablesen könnte. ;)
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