Geschichten zum Thema Alltag

N° 29 Grün

Beitragvon C.J. Bartolomé » So 21 Jul, 2013 08:08


Früher, als die Städte noch klein waren, dachte kein Mensch daran, einen Baum vor ein Haus zu pflanzen und die Straßen blieben breit, leer und öde, aber sie führten in kürzester Zeit auf das freie Feld, in die Forst oder an einen kleinen See. Als die Städte sich blähten und Dorf um Dorf fraßen, planierten sie auch die frische Natur rings vor der Stadtgrenze. Die Wege ins Grün verlängerten sich täglich um ein paar Meter, bis es den Menschen eine zu große Mühsal bereitete, bis vor die Tore zu gelangen und der Spaziergang da draußen den quälenden Stadt–Marsch im Nutzen nicht mehr aufwog. Wenig später hatte dann ein Mann von dreißig Jahren seit seiner Kindheit keinen Wald gesehen, nicht über die wogenden Ähren geblickt, nicht in einem See gebadet. So schockiert die Großstädter über ihn waren, so zahlreich traten die Fälle natürlicher Verödung plötzlich auf und man beschloss schleunigst, die Grenzen der Stadt zu öffnen und vielfältiges Blätterwerk einzulassen, auf dass es sich an Straßenecken, Plätzen und auf Höfen niederlasse, um die blöden Seelen vor die Stadt zu locken, zu den Blüten, dem Duft, dem spiegelglatten Wasser.
Alte Baumveteranen standen nun zwischen den hautigen, allzureinen Bauten. Die zierliche Robinie war die kleinste, sie reichte nur bis in den vierten Stock hinauf, die üppige Kastanie und die mächtige Platane überragten alle Gebäude der Straße mühelos. Zusammen bildeten ihre Kronen einen übergroßen Ballen luftiger Blätter, die Robinie trug noch am wenigsten dazu bei, denn ihre hellgrünen Stauden runder Blättchen wuchsen erst noch und schirmten die tausenden vorjährigen Schoten vor Sonnenlicht ab oder breiteten sich über den braunen Hülsen aus, um selbst nicht in den Schatten zu wachsen. Steif und starr raschelten ihre Äste im Ostwind des Maies. Die Platane beeilte sich, ihre blassgrünen Planen auszubringen, doch begann sie erst pappelartig die Lücken zu schließen, in denen die dunklen Kugeln hingen. Und mitten in ihnen wucherte die hohe Kastanie, die massive Gestalt lebte in allem Saft, an den innersten Stamm drang schon kein Blick mehr, sondern alle Augen prallten ab an dem Überfluss pyramidener, weißer Blütenhäuser vor grünem Grund. Welch eine Herrlichkeit. Vor den Cirruswolken – welch eine Pracht. Über der Krone spitzten einige Blüten in die Höhe, einzeln schoben sie sich heraus aus der Masse wie Fahnen Kastiliens.
Und sie redeten, die Blüten, die Blätter, sie sprachen, sie sangen von ihrer Mutter, von ihrer Familie und schüttelten sich vor Freude, dass weiße Blätter in den Abend regneten:
– Du, ja du in der Höhle hinter dem Fenster! Ja, komme heraus, erst zu uns, aber gehe an uns vorbei, es lohnt sich so sehr! Ziehe dir Schuhe an, nehme einige Brote mit und wandere hinaus zu unser Familie, höre dort das Singen in unserm Wald und über dem Feld, in dem gelber Raps nach Honig duftet und die Hügel dunstig atmen! Wir sind nur das Versprechen, nicht mehr! Eine wunderbare Welt voll wachsenden Lebens gedeiht erst vor der Stadt, wage es nur, nehme es auf dich, hinauszugehen ins Grün! Hinaus ins Grün! Könnten wir dich packen mit unseren Ästen und hinauskatapultieren!
Aber selbst die Platane mit ihren starken Armen hatte genug zu tun mit ihren Knospen.
– Wage es! Du musst, denn wir sind nicht der Frühling, den du so lieben könntest; den kannst du nur draußen lieben lernen, unter freiem Himmel. Auch wenn jetzt die Nacht kommt, zu der wir verstummen: Vergiss nicht das Land!
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C.J. Bartolomé
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